Zivilcourage kann jeder lernen

Kann man Zivilcourage lernen? Ja, sagt der Pädagoge Kurt Singer. Man muss hinschauen statt wegschauen, die Angst annehmen und sich mit seinen Wertvorstellungen kenntlich machen. Zudem sollte man sich Sachverständnis aneignen, persönliche Gefühle einbeziehen und sich Rückhalt und Solidarität in einer Gruppe suchen. Es ist ratsam, kleine Schritte zu wagen, sozialen Mut zu üben, sich gewaltfrei auseinandersetzen sowie haltgebende Ideen, emotionale und moralische Kräfte zu stärken. Wo kann man das lernen? Klaus-Peter Hufer weiß: „Fest steht und empirisch bestätigt ist, dass frühe Erfahrungen in Familie und Erziehung eine wesentliche Rolle spielen.“ Das trifft vor allem dann zu, wenn Jugendliche als Kinder und junge Erwachsene ernst genommen und als Personen – „so wie du bist“- angenommen wurden. Klaus-Peter Hufer promovierte 1984 in Politikwissenschaften, 2001 folgte die Habilitation in Erziehungswissenschaften. Danach lehrte er als außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.

Zivilcourage verlangt keine außergewöhnlichen Fähigkeiten

Aber auch später, wenn man erwachsen ist, ist es möglich, Einfühlungsvermögen zu fördern, Gerechtigkeitsempfinden zu sensibilisieren, Selbstsicherheit zu erwerben und Verantwortungsbereitschaft auszuprägen. Das kann im ganzen Verlauf eines Lebens geschehen. Offen ist jedoch immer noch, welche Faktoren tatsächlich ausschlaggebend sind, die einen Menschen veranlassen, seine Ängste zu überwinden und den Mut zur Zivilcourage aufzubringen.

Es fehlen repräsentative Daten, dennoch stellen die meisten Studien fest, dass die Faktoren Alter oder Bildung grundsätzlich ohne Bedeutung dafür sind, ob jemand Zivilcourage zeigt oder nicht. Außerdem spielen dabei Beruf, Einkommen, regionale Herkunft und Religionszugehörigkeit keine Rolle. Es ist weiterhin ein Rätsel, welche Momente und Motive für das Eingreifen, das Helfen und das Retten maßgeblich sind. Ein zivilcouragierter, mit sozialem Mut ausgestatteter Mensch muss keineswegs über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen.

Ein zivilcouragierter Mensch verfügt über charakteristische Eigenschaften

Aber es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die für ihn charakteristisch sind. Klaus-Peter Hufer kennt sie: „Wertorientierung, moralische Grundhaltung, Mitempfinden, Mitgefühl, Fähigkeit zum Perspektivwechsel, Sinn für Gerechtigkeit, soziale Grundhaltung, Fähigkeit zur Solidarität, Gemeinsinn, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Selbstvertrauen, Handlungsfähigkeit, Entscheidungssicherheit, Konfliktfähigkeit, Risikobereitschaft, Verantwortungsgefühl, Bildung an Vorbilder, kommunikative Kompetenz, Wissen und Argumentationsfähigkeit.“ Wer erwirbt solche Eigenschaften, und wo? Unter welchen Umständen entwickelt sich eine Persönlichkeit, die diese Merkmale aufweist?

Hinweise liefern autobiografische Schilderungen von Personen, die für Zivilcourage beispielhaft sein können. So galt der Philosoph Karl Jaspers (1883 – 1969) im Nationalsozialismus als „Staatsfeind“, auch weil er unbeugsam zu seiner jüdischen Frau hielt. Im Jahr 1937 wurde er zwangsweise pensioniert, später erhielt er Publikationsverbot. Dem Transport in ein Konzentrationslager im Rahmen der „Endlösung“ konnten Karl Jaspers und seine Frau in letzter Minute entkommen. Diese Standhaftigkeit mag ihren Ursprung in frühen Erfahrungen haben. Quelle: „Zivilcourage“ von Klaus-Peter Hufer

Von Hans Klumbies

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