In der Arbeit kann sich das Selbst kaum mehr finden

Die Arbeit kann ein bedeutender Faktor der Selbstfindung sein. Viele Jobs der Gegenwart haben hierfür allerdings nichts anzubieten. Georg Milzner erläutert: „Sie sind so funktionalisiert, dass sie leicht von Computern gemacht werden können. Was mit einem Großteil von Jobs mit einiger Sicherheit ja auch passiert. Und so ist es sinnvoll, die tiefe Befriedigung weniger in einem Job zu suchen als in einer Tätigkeit, die nicht zwangsläufig Geld einbringen muss.“ Auf Karl Marx geht die Idee zurück, dass Arbeit den Menschen von sich selbst entfremden kann. Er stellte dafür den ursprünglich arbeitenden Menschen wie beispielsweise eine Schneiderin dem Arbeiter der Moderne gegenüber. Hatte der ursprünglich arbeitende Mensch noch einen Bezug zu seinem ganzen Werk, so ist der Industriearbeiter nur noch für ein, zwei Arbeitsschritte da. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

Das Ich ist dem Verstand zugeordnet

Man muss kein Marxist sein, um die Wahrheit und das seelische Ausmaß zu ermessen. Karl Marx hatte für Psychologie wenig Interesse, da er überzeugt davon war, dass das Sein – die Art, wie man materiell-strukturell lebt – das Bewusstsein – also die Weise, in der man sich erlebt, sich selbst sieht, sich fühlt – bestimme. Der Eindruck täuscht nicht, dass die Gegenwart von einer Entfremdung der Arbeit bedroht ist. Vielmehr wird er von der Angst vor Jobverlust überlagert. Aber allein die Vorstellung, dass eine große Anzahl heutiger Berufstätigkeiten von Maschinen übernommen werden kann, zeigt ja schon, wie segmentiert und entfremdet diese Tätigkeiten ihrer Art nach sind.

In der Abgrenzung vom Ich, das vor allem vernunftorientiert und dem Verstand zugeordnet ist, erlebt man das eigene Selbst eher intuitiv und emotional. Ein Ich vermag einzusehen, warum es etwas aus Vernunftgründen machen muss. Aber ein Selbst gibt sich damit nicht zufrieden. Georg Milzner erklärt: „Es will selbstangemessen handeln, sinnvoll und – im besten Sinn – begeistert.“ Aber die Begeisterung des Selbst ist von einer anderen Art als die des Egos, des dritten großen Anteils in der inneren Struktur eines Menschen.

Schon Kinder verfügen über Ansätze zur Selbstfindung

Das Ego nämlich liebt den Glanz, die Belohnung, den Erfolg mit dem Siegertreppchen und das möglichst hohe Honorar. All dies hilft ihm, zu strahlen und sich selbst zu begründen. Man kann das schon bei Kindern sehen. Das Kind, das eine Sache verfolgt, auch wenn sie unpopulär ist; das etwas lernen möchte, obschon es niemanden interessiert, das sich der Coolness verweigert. Denn es merkt, dass es sich damit nicht wohlfühlt. Dieses Kind ist offenbar selbstaufmerksam. Und setzt etwas um, was es als sein Eigene, seine Individualität empfindet: eben das Selbst.

Nun wird für gewöhnlich die Herausbildung des Selbst als große, vor allem dem späteren Leben vorbehaltene Aufgabe angesehen. Dieser Ansicht widerspricht Georg Milzner, da seiner Meinung nach Ansätze zum Selbst und zur Selbstfindung auch in Kindesjahren schon vorhanden sind. Sie prägen einige Kinder sogar in ungewöhnlichem Maß. Mitunter sind das die, die es sozial etwas schwerer haben. Aber gerade dies hat eben auch damit zu tun, dass sie früh schon eher sich selbst verpflichtet sind als einem Konsens, der sich mit jeder neuen Windrichtung drehen kann. Quelle: „Wir sind überall, nur nicht bei uns“ von Georg Milzner

Von Hans Klumbies

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