Es gibt auch ein Lügen durch Schweigen

Verantwortlich sind Menschen nicht nur für das, was sie tun, sondern auch für das, was sie unterlassen. Dafür wollen aber die wenigsten Verantwortung übernehmen. Als Beispiel nennt Reinhard K. Sprenger das Thema „Ehrlichkeit“. Vielen Menschen ist sie wichtig und gilt als wesentliche Voraussetzung für vertrauensvolles Zusammenleben. Sie meinen damit aber meistens eine Haltung, die etwa mit „Du sollst nicht lügen!“ zu umschreiben wäre. Reinhard K. Sprenger präzisiert: „Das meint: Informationen nicht willkürlich zum eigenen Vorteil manipulieren, Tatsachen nicht bewusst falsch darstellen, auf Fragen nach bestem Wissen und Gewissen antworten.“ Das ist aber lediglich die „passive“ Seite der Ehrlichkeit. Die ist billig. Es gibt nämlich auch ein Lügen durch Schweigen. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.

Für das Schweigen will niemand verantwortlich sein

Man lügt auch, wenn man deutlich spürt, dass man dem anderen etwas mitteilen müsste, weil er sonst glaubt, alles sei in Ordnung, oder weil er sonst von falschen Voraussetzungen ausgeht. Reinhard K. Sprenger erklärt: „Ich lüge, wenn ich schweige, obwohl mir klar ist, dass meine Aussage dem anderen helfen würde oder dass der andere durch mein Schweigen Nachteile haben könnte.“ Es gibt also eine „aktive“ Ehrlichkeit, die das Wort ergreift, ohne ausdrücklich gefragt zu werden, und die Stellung bezieht, ohne aufgefordert zu werden.

Aber für das Schweigen will fast niemand verantwortlich sein. Deshalb sucht man nach Entlastung. Die bietet sich erstens immer, wenn man sich auf die moralisch „gute“ Seite schlagen kann. Man wendet das Problem nach außen, beschuldigt den anderen: „Der ist immer so nachtragend!“, „Die ist doch sofort eingeschnappt!“ Die Feigheit verbirgt sich hinter Beschuldigung. Oder man lügt zweitens das Schweigen ins Positive um: „Aber ich muss den anderen doch schonen!“ Aber jemanden schonen heißt nicht mehr und nicht weniger als jemanden zu entmündigen.

Ungute Gefühle sollen nicht aufgestaut werden

In einem solchen Fall stellen sich Menschen über einen anderen und entscheiden für ihn, was zumutbar ist für ihn und was nicht. Sie verlassen die Ebene der Gleichberechtigung, der Mündigkeit. Dadurch macht man den anderen zum Kind beziehungsweise zum Greis. Reinhard K. Sprenger erläutert: „Es verletzt die Menschenwürde, wenn Sie einem Menschen die Fähigkeit, Verantwortung zu tragen, wegnehmen oder diese Fähigkeit in entmündigender Weise mindern.“ In Wirklichkeit wollen solche Menschen weniger den anderen, als sich selbst schonen.

Vielleicht leidet ein Mensch sogar selbst lieber unter dem Verhalten eines anderen, der es möglicherweise problemlos ändern könnte, wenn man nur einmal darüber sprechen würde. Aber dann könnte er den anderen nicht mehr heimlich abwerten oder gar beschimpfen. Reinhard K. Sprenger stellt fest: „Die Bereitschaft, Leiden zu ertragen, ist verbreiteter als die Fähigkeit, das Übel zu beseitigen.“ So kommt es zum Beispiel bei vielen Paaren zu Trennungen, weil ein oder beide Partner ihre unguten Gefühle aufstauen. Quelle: „Die Entscheidung liegt bei dir!“ von Reinhard K. Sprenger

Von Hans Klumbies

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