Ein gelingendes Leben gibt dem Dasein einen Sinn

Was macht ein gelingendes Leben aus? Was braucht es, dass ein Mensch das Gefühl hat, sein Leben sei in irgendeiner Weise gelungen und sinnvoll? Ulrich Schnabel meint: „Über diese Fragen denken wir vielleicht selten konkret und zielgerichtet nach. Und doch liegen sie letztlich all unseren Vorstellungen und Überzeugungen zugrunde und sind der heimliche Antriebsmotor unseres Tätigseins.“ Bis weit ins Mittelalter hinein beschäftigte die Frage eines gelingenden Lebens die Menschen eher wenig. Warum? Weil Religion und Tradition eine für alle gültige Antwort vorgaben. Der Sinn des Lebens bestand demnach – stark verkürzt – darin, sich in die vorgefügten Strukturen einzufügen, ein guter Christ zu sein und auf das Jenseits zu hoffen. Ulrich Schnabel ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT.

Das moderne Individuum hat in nahezu allem die Wahl

Weitergehende Überlegungen verboten sich in der Regel schon deshalb, weil das Leben des Einzelnen weitgehend vorgezeichnet war und ihm in vielem gar keine Wahl blieb. Für individuelle Zukunftspläne und Sinnfragen war da nicht viel Raum. Erst mit der Neuzeit und der Aufklärung begann sich all dies zu ändern. Religionen und Traditionen verloren an Bindekraft, und der propagierte „Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“ machte fortan Sinnfragen und Lebensführung einer zunehmend individuellen Sache.

In der Modere entstand dann ein enormer Raum an Freiheitsgraden und Wahlmöglichkeiten, der durch immer neue technische und wissenschaftliche Erfindungen ständig vergrößert wurde. Spätestens heutzutage, da alles möglich und nichts mehr verbindlich scheint, wird einigen Menschen die Kehrseite dieser Entwicklung bewusst. Das moderne Individuum hat in nahezu allem die Wahl – im Beruf, in der Lebensführung, in der politischen oder sexuellen Orientierung –, ist damit aber auch für alles selbst verantwortlich und muss sich selbst entscheiden, was es möchte und anstrebt.

Unter jungen Menschen ist die Ratlosigkeit stark ausgeprägt

Das gilt auf für die Frage nach Sinn und Lebensglück. Ulrich Schnabel erläutert: „Wir können oder wollen uns nicht mehr einfach auf die überkommenen Regeln von Religion oder Tradition zurückziehen, sondern müssen versuchen, in einer sich dramatisch wandelnden Welt immer wieder neue Antworten zu finden, die für unsere individuelle Situation passend und überzeugend sind.“ Solche Antworten zu geben, fällt heutzutage offenbar immer mehr Menschen schwer.

Umfragen zeigen, dass rund ein Drittel der Deutschen keinen tieferen Sinn in ihrem Dasein zu entdecken vermag. Besonders ausgeprägt ist die Ratlosigkeit unter jungen Menschen. Fast die Hälfte von ihnen gibt an, ihr Leben nicht als sinnerfüllt zu erfahren. Zugleich sagen sie, die Frage nach dem Sinn sei ihnen weitgehend egal. „Existenziell indifferent“ nennt die Psychologin Tatjana Schnell die Gruppe von Menschen. Kennzeichnend für sie sei das Gefühl, wenig Kontrolle über das eigene Leben zu haben. Zugleich zeigen sie wenig Leidenschaft und Engagement, sowohl für ihre eigenen Belange wie für die der anderen. Quelle: „Zuversicht“ von Ulrich Schnabel

Von Hans Klumbies

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