Ein bisschen Lügen, das bringt für viele einen gewissen Reiz. Thomas Erikson erklärt: „Es stellt eine Möglichkeit dar, sich im Alltag durchzuwinden, und gibt einem hinterher das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein. Ob groß, ob klein, mir ist keiner dahintergekommen, ha, ha, ich habe gewonnen.“ Schafft man es, jemanden von etwas zu überzeugen, das gar nicht wahr ist, fühlt sich das mitunter besonders befreiend an, vor allem, wenn man einen Großteil des Tages in der moralischen Grauzone unterwegs ist. Nie war der Reiz, eben nicht die Wahrheit zu sagen, größer als in unserer schnelllebigen Gesellschaft heute. Die Rückmeldung bekommt man ja mehr oder weniger sofort. Pathologische Lügen, Manipulation und Betrug haben sich zweifellos zu einem gängigen Bestandteil menschlichen Miteinanders entwickelt. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.
Lüge
Kognitive Abkürzungen sparen Zeit und Energie
Menschen sind aus einem bestimmten Grund voreingenommen. Für die frühen Vertreter unser Spezies hat sich nie viel von heute auf morgen verändert. Ob sie überlebten oder nicht, hing von ihrer schnellen Reaktion ab. Jonathan Rauch ergänzt: „Die menschlichen Reaktionsmuster prägten sich daher so aus, dass sie an unsere Umwelt angepasst waren; unsere Gehirne sind darauf gepolt, bestimmte Vermutungen oder Vorhersagen anzustellen.“ Diese kognitiven Abkürzungen sparen Zeit, Energie und sind potenziell lebensrettend. In der Savanne, wo das unzureichende Reagieren auf eine Gefahr tödlich enden kann und statistische Risikoanalysen selten zur Verfügung stehen, ergibt es Sinn, sich von seinen emotionalen Reaktionen auf Reize oder Bedrohungen leiten zu lassen. Jonathan Rauch studierte an der Yale University. Als Journalist schrieb der Politologe unter anderem für das National Journal, für The Economist und für The Atlantic.
Sogar mit der Wahrheit lässt sich lügen
Durch Manipulation sorgt ein Mensch dafür, dass die Wirklichkeit des anderen sich für ihn so darstellt, wie er es möchte. Thorsten Havener weiß: „Eine sehr bewährte Methode ist diesbezüglich die Darstellung der Wirklichkeit über Statistiken.“ Hier wird, wie Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff, Autoren des Buches „Lügen mit Zahlen“, es so trefflich ausdrücken, „mit der Wahrheit gelogen“. Die folgenden Tricks sind nur ein Teil der unzähligen Täuschungen, die in dem Buch vorgestellt werden. Zum Beispiel: Lange Zeiträume – wie Mücken zu Elefanten werden. Wenn man sagt, der Bund einigt sich auf ein Bildungspaket von 18 Milliarden Euro, dann klingt das erst mal toll. Aber wenn die 18 Milliarden auf die nächsten zehn Jahre verteilt werden, dann ist das wenig. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Es gibt auch ein Lügen durch Schweigen
Verantwortlich sind Menschen nicht nur für das, was sie tun, sondern auch für das, was sie unterlassen. Dafür wollen aber die wenigsten Verantwortung übernehmen. Als Beispiel nennt Reinhard K. Sprenger das Thema „Ehrlichkeit“. Vielen Menschen ist sie wichtig und gilt als wesentliche Voraussetzung für vertrauensvolles Zusammenleben. Sie meinen damit aber meistens eine Haltung, die etwa mit „Du sollst nicht lügen!“ zu umschreiben wäre. Reinhard K. Sprenger präzisiert: „Das meint: Informationen nicht willkürlich zum eigenen Vorteil manipulieren, Tatsachen nicht bewusst falsch darstellen, auf Fragen nach bestem Wissen und Gewissen antworten.“ Das ist aber lediglich die „passive“ Seite der Ehrlichkeit. Die ist billig. Es gibt nämlich auch ein Lügen durch Schweigen. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.