In der Psychiatrie herrschte ein Meinungschaos

Angst kann durchaus nützlich sein. Die meisten Menschen haben jedoch mehr als nötig davon. Zu wenig Angst dagegen kann zu einer Katastrophe führen. Randolph M. Nesse erklärt: „Die Aufgabe der Psychiatrie besteht darin, Menschen dabei zu helfen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, die sie zu vermeiden versuchen.“ Allerdings herrschte im Psychiatriebetrieb lange Zeit das reinste Meinungschaos. Das bedeutet nicht, dass psychiatrische Therapieansätze unwirksam sind. Für fast alle psychiatrischen Probleme gibt es eine Lösung, und die Therapie kann bemerkenswert oft eine dauerhafte Heilung bewirken. Menschen mit Panikstörungen und Phobien erleben so verlässlich eine Besserung, dass die Behandlung eintönig würde, wenn es nicht die Zufriedenheit gäbe, mitzuerleben, wie sei in ein rundum erfüllendes Leben zurückkehren. Professor Randolph M. Nesse ist Mitbegründer der Evolutionären Medizin. Seit 2014 lehrt er and er University of Arizona, wo er als Gründungsmitglied und Direktor das Center for Evolution and Medicine leitet.

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Aufgabenkonflikte können nützlich sein

Neue Denkweisen erwachsen oft als alten Bindungen. Es scheint, dass Menschen auf einer Wellenlänge sein müssen, um gemeinsam voranzukommen. Doch die Wahrheit ist komplizierter – wie alle Wahrheiten. Eine der weltweit führenden Konfliktforscherinnen ist die in Australien ansässige Karen „Etty“ Jehn. Adam Grant stellt fest: „Wenn Sie an Konflikte denken, stellen sich sie wahrscheinlich vor, was Etty Beziehungskonflikte nennt – persönliche, emotionale Auseinandersetzungen, die nicht nur von Spannungen, sondern auch Feindseligkeit geprägt sind. Doch Etty hat noch eine andere Variante namens Aufgabenkonflikt entdeckt – Auseinandersetzungen über Ideen und Meinungen. Die Frage ist, ob die beiden Konfliktarten unterschiedliche Folgen haben. Insgesamt wurden dazu im Rahmen von mehr als hundert Studien Konfliktarten in über 8.000 Teams untersucht. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.

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Viele Menschen fühlen sich erschöpft

In der Sprechstunde von Volker Busch klagen derzeit viele Patienten über innere Anspannung, Nervosität und ein Gefühl von Unruhe und Getriebenheit. Volker Busch fügt hinzu: „Den Lärm der Welt können sie kaum mehr ertragen und möchten sich am liebsten zurückziehen. Der ständige Streit in Politik, Medien und sozialen Netzwerken regt sie auf, genauso wie die unablässige Flut negativer Nachrichten.“ Sie erleben sich als reizbar und fahren schneller aus der Haut. Manche haben das Gefühl, dünnhäutiger geworden zu sein. Alles spannt maximal an und „nervt“. Oft können sie abends den Kopf nicht ausschalten und grübeln über das, was war, oder sie zerbrechen sich den Kopf darüber, was kommen könnte. Prof. Dr. Volker Busch ist seit circa zwanzig Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner tätig.

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Die Erziehung benötigt Regeln

Rüdiger Maas erläutert: „Sozialisation beschreibt die Einpassung eines Menschen in die Gesellschaft, in die gesellschaftlichen Werte, Normen und Verhaltensweisen.“ Regeln in der Erziehung erleichtern Kinder später einmal den Weg durch die verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen. Regeln sind aber auch wichtig für den Selbstschutz. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass ihnen nicht permanent alle Wünsche wie auf Knopfdruck erfüllt werden, lernen sie, Bedürfnisse zu verschieben und ihre eigenen Impulse zu kontrollieren. Impulskontrolle ist wichtig, um sich nicht spontan einer Aktion oder Handlung hinzugeben, die man vielleicht im Nachhinein bereuen würde oder mit der man anderen Menschen Schaden zufügt. Lernt ein Kind das, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es einfach mal „draufhaut“, wenn ihm etwas nicht passt. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.

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Die Akademikerquote ist gestiegen

Die Zeit, die Kinder und Jugendliche heute in Bildungseinrichtungen verbringen, ist deutlich länger geworden, und auch die Anzahl an Bildungsabschlüssen ist in den letzten Jahrzehnten drastisch nach oben gegangen. Jakob Pietschnig nennt ein Beispiel: „In Deutschland ist die Akademikerquote von sieben Prozent im Jahr 1975 auf fast 18 Prozent im Jahr 2004 gestiegen.“ Diverse Reformen haben in den letzten Jahrzehnten zu Verbesserungen im Bildungssystem geführt. So erlaubt beispielsweise das Belegen von Wahlpflichtfächern im Rahmen des Unterrichts eine individuelle Schwerpunktsetzung, die jeweils dem Interesse des Schülers entspricht. Und dadurch steigt natürlich die Lernmotivation. Wie verhält es sich, in Bezug auf die Intelligenz, mit den modernen Technologien, die für viele Menschen scheinbar unverzichtbar geworden sind? Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

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Den Wagemutigen lächelt das Glück

In einer kontingenten Welt hat die Einsamkeit, die Unfähigkeit den anderen zu begegnen, nichts mit Schicksal zu tun: Ihr Sein hat keinen Daseinsgrund. Charles Pépin erläutert: „Wir brauchen nur die eigenen vier Wände zu verlassen, um den Zufall herauszufordern und vielleicht alles zu ändern, ähnlich einem Wurf im Würfelspiel unserer Beziehungen zu den anderen, unserer Liebes- und Freundschaftsgeschichten, unserer Arbeitsbeziehungen.“ Der Aberglaube verleitet viele Menschen zu der Vorstellung von Glück als einer objektiven, vom Willen oder Handeln unabhängigen Gegebenheit. Dabei gerät in Vergessenheit, dass das Glück herausgefordert wird. Jemanden zu begegnen, bedeutet aus sich herauszugehen – sich von der eigenen Position als selbstzentriertes Subjekt loszureißen, um sich für die Perspektive des anderen zu öffnen. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Gerechtigkeit hat für viele einen hohen Wert

Gerechtigkeit wird von manchen Menschen so verstanden: „Wenn ich etwas gebe und dafür auch das Versprochene zurückerhalte, das ist fair.“ Austauschbeziehungen und Schuldausgleich sind wichtig. Betrug bedeutet das Gegenteil dazu, etwas zu bekommen, aber nicht dafür zu geben. Helga Kernstock-Redl weiß: „Für viele ist das Streben nach dieser Form von Gerechtigkeit ein enorm hoher Wert.“ Sie leben nach der inneren Regel: „Geben und Nehmen sollen in meinem Leben in Balance sein.“ Schuldgefühle motivieren Menschen dazu, diesem Grundsatz treu zu bleiben. Es durchzieht als Grundprinzip daher viele Lebensbereiche, von großen, lebenswichtigen bis hinunter zum Austausch von Grüßen oder guten Wünschen. Jeder Mensch führt dabei permanent, automatisch und manchmal durchaus penibel innere Verdienst- und Schuldkonten. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.

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Enttäuschungen zerstören Hoffnungen

Enttäuschung ist unweigerlich mit Täuschung verbunden. Wer ent-täuscht wird oder ist, hat sich vorher in etwas oder jemanden getäuscht, oder wurde getäuscht. Reinhard Haller weiß: „Ursprünglich war der Begriff durchaus positiv besetzt. Denn er bedeutete, dass jemand aus einer Täuschung herausgerissen und eines Besseren belehrt worden ist.“ Später wurde das Wort Enttäuschung eher im Sinne von Desillusionierung eingesetzt, womit eine zur Ernüchterung führende, als negativ empfundene Erfahrung oder Erkenntnis gemeint ist. Heute bezeichnet die Enttäuschung ein Gefühl der zerstörten Hoffnung oder des nicht erwarteten Kummers. Enttäuschungen können das bisherige Menschen- und Welt- und Selbstbild infrage stellen. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

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Die Vorstellung siegt immer gegen den Willen

Sobald der Wille und die Vorstellung eines Menschen miteinander in Konflikt stehen, wird die Vorstellung immer gewinnen. Thorsten Havener behauptet: „Die Vorstellung ist wichtiger als der Wille. Immer.“ Daher ist der Satz „Du musst nur wollen“ in vielen Fällen nicht der richtige Rat. Viel eher müsste es heißen: „Du musst dir vorstellen können, dass es geht.“ Eine Suggestion, die Thorsten Havener oft einsetzt, um das zu verdeutlichen, besteht darin, dass er einen Zuschauer dazu bringt, seinen Namen zu vergessen. Nachdem die Suggestion eingesetzt hat, fragt er ihn, ob er sich denn überhaupt an seien Namen erinnern will. Das wird praktisch immer bejaht. Trotzdem kann er sich nicht erinnern. Warum? Weil Thorsten Haveners Suggestion ihn davon überzeugt, dass er es nicht mehr kann. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.

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Genugtuung hat mit Rehabilitierung zu tun

„Sie müssen mir volle Genugtuung leisten“, lautet eine mehr oder weniger unverblümte Rachedrohung. Reinhard Haller erläutert: „Diese spricht weniger den Wunsch nach Strafe und Wiederherstellung der Gerechtigkeit an, als vielmehr den Lustaspekt und gleichzeitig die letzte gemeinsame Strecke: Das Erlangen von Genugtuung.“ Genugtuung hat mit Rehabilitierung, Wiederherstellung des eigenen Rufes, Eigenstärkung und Befriedigung zu tun, weniger mit gestilltem Aggressionstriebe und Machtbedürfnissen. Fast alle Menschen wissen aus eigener Erfahrung, dass Rache zumindest im Augenblick guttut, vor allem, wenn sie das eigene Gerechtigkeitsgefühl befriedigt und den ramponierten Selbstwert stärkt. Allerdings kommt sofort die Frage auf, ob dieses als positiv erlebtes Gefühl von Dauer ist, ob die eigene Welt durch die Rache wieder kontrollierbarer ist und ob das Selbstwertgefühl anhaltend gehoben werden konnte. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

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