Sigmund Freud hegt ein Unbehagen an der Kultur

Das Alterswerk von Sigmund Freud kann fast durchgehend als eine Art Kulturkritik aufgefasst werden. Deutlich zeigt sie sich beispielsweise in seinem Buch „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ aus dem Jahre 1921. Sigmund Freud will darin begreiflich machen, wie der Mensch sein Wesen innerhalb einer Massenversammlung verwandelt. Zur Veranschaulichung wählt er die beiden organisierten Massen der Kirche und des Heeres. In beiden Fällen geht er von einer libidinösen Bindung der Massenmitglieder an ihren Führer aus. Die Ich-Ideale werden dabei durch den Führer als kollektives Ich-Ideal ersetzt.

Massenführer haben die Eigenschaften eines Gottes

Der einzelne Mensch partizipiert am Prestige, dass die Masse dem Führer einräumt und sonnt sich in seinem Glanz. Selbst die Funktion des Gewissens wird an den Führer übertragen, denn alles wird ungeprüft als richtig angesehen, was er befiehlt. Der Massenführer wird mit den Eigenschaften eines Urvaters ausgestattet, was ihn in die Nähe einer Gottheit rückt. Je nach der Struktur des Charakters ihres Anführers kann die Masse konstruktiv oder destruktiv agieren, wobei in der Geschichte fast ausschließlich letztere Variante zum Tragen kam.

Freuds Buch „Die Zukunft einer Illusion“ aus dem Jahre 1927 ist eine groß angelegte Religionskritik. Der Psychoanalytiker bringt darin die religiöse Welt- und Lebensanschauung mit den Schicksalen der Sozialisation in den ersten Lebensjahren des Menschen in Zusammenhang. Gott ist für Sigmund Freud die personifizierte Vatersehnsucht, das heißt der Wunsch, auch im Universum eine starke und übermächtige Vaterfigur sehen zu können, die ähnlichen Schutz und Geborgenheit verspricht wie der leibliche Vater in der Kindheit.

Die religiösen Vorstellungen werden von Sigmund Freud als eine Illusion bezeichnet, die er zwischen Irrtum und Wahn ansiedelt. Der religiöse Glaube schenkt dem Menschen die illusorischen Tröstungen, dass ein Vater im Himmel über sie wacht und er nach dem Tode weiterleben wird und dann die Gerechtigkeit empfangen wird, die ihm auf Erden versagt geblieben ist. All dies dämpft die Wut und den Revolutionswillen der Notleidenden und Unterdrückten, die nur deshalb die Tyrannei und die Ausbeutung im Diesseits geduldig ertragen, weil ihnen von der Kirche die Hoffnung auf einen Ausgleich im Jenseits versprochen wurde.

Sigmund Freud bezeichnet die Religion als psychischen Infantilismus

Die Kindeserziehung kritisiert Freud, da er in ihr drei Denkhemmungen erkennt, die sich gegenseitig ergänzen und die spätere Entwicklung der Persönlichkeit stark beeinträchtigen. Er zählt dazu die autoritäre, die religiöse und die sexuelle Denkhemmung. Autoritarismus, Religion und Sexualtabus verängstigen laut Freud das Gemüt des Menschen, der somit n sieht er in der politischen Schafsgeduld wiederkehren, mit der sich die Menschen beispielsweise auf die Schlachtfelder der Kriege führen lassen. Freud ruft die Menschheit auf, den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

In seinem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahre 1930 bezeichnet Sigmund Freud die Religion als psychischen Infantilismus, der die Menschen daran hindert, erwachsene Menschen zu werden, die sich von ihrer Vernunft leiten lassen. Die Religion bietet Trost für Notlagen, die der Mensch besser aktiv und rational angehen sollte, um alles in seiner Macht stehende für deren Beseitigung zu tun.

Von Hans Klumbies