Cordelia Fine stellt die Eigenschaften des Selbstkonzepts vor

Das Selbst eines Menschen hat viele Facetten. Es ist ein reiches, komplexes Netz mit einer je unterschiedlichen Nuance für alle möglichen Gelegenheiten. Cordelia Fine zitiert Walt Whitman, der dies mit folgendem Satz ausgedrückt hat: „Ich bin groß: In mir wohnen viele.“ Aber während ein Selbst, das Viele einschließt, mit hoher Wahrscheinlichkeit eine feine Sache ist, kann jeder auch sofort erkennen, dass es nicht optimal oder sogar unmöglich wäre, alle verschieden Nuancen des Selbst gleichzeitig zu aktivieren. Cordelia Fine schreibt: Ratsam ist es, jeweils nur einige wenige Selbstkonzepte aus dem riesigen Schrank, der unser Selbst ist, herauszuziehen.“ Cordelia Fine studierte Psychologie und Neurowissenschaften in London und Toronto. Heute forscht sie an der Marquarie University in Australien und unterrichtet an der Melbourne Business School.

Das aktive Selbst verändert sich ständig in Reaktion auf seine soziale Umwelt

Es gibt Psychologen, die bezeichnen das Selbst, das jeweils gerade in Gebrauch ist – das eine Selbstkonzept, das aus den vielen ausgewählt wurde –, als aktives Selbst. Cordelia Fine erklärt: „Wie der Name schon sagt, ist das keine passive, träge Einheit, die, ohne sich zu verändern, Tag für Tag, eine Woche nach der anderen einfach nur herumhängt.“ Sie vertritt die These, dass das aktive Selbst vielmehr ein dynamisches Chamäleon ist, das sich von einem Moment zum nächsten in Reaktion auf seine soziale Umwelt verändert.

Natürlich kann der Geist nur das einsetzen, was ihm zur Verfügung steht – und bestimmte Teile des Selbstkonzepts sind für Menschen eher greifbar als andere. Ein ziemlich großer Teil des Selbstkonzepts besteht aus Stereotypen der vielen sozialen Identitäten, die jeder Person zu eigen sind. Cordelia Fine nennt zum Beispiel: Mann, Tierarzt, New Yorker, Vater, Hispano-Amerikaner und Squash-Spieler. Wer ein Mensch in einem bestimmten Augenblick ist, das heißt, welcher Part des Selbstkonzepts gerade aktiviert ist, hängt ganz vom Umstand ab.

Gender-Stereotypen sind allgegenwärtig

Manchmal ist das aktive Selbst individuell gefärbt und entspricht damit weitgehend dem Charakter eines Menschen. Es gibt aber auch Augenblicke, in denen der Kontext eine der Sozialidentitäten als aktives Selbst in Stellung bringt. Es wäre für Cordelia Fine keine Überraschung, wenn die Positiorkmalen hat ihrer Meinung nach offenbar genau diesen Effekt.

Gender-Stereotype sind laut Cordelia Fine allgegenwärtig und dies gilt auch in Bereichen, wo sie überhaupt nicht hingehören. Als negatives Beispiel dafür zitiert sie einen Schulleiter einer bekannten Privatschule in Edinburgh, der folgendes gesagt hat: „Meines Erachtens ist es wesentlich besser, zuzugeben, dass es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt wie auch in ihrer jeweiligen Art zu lernen. Generell entscheiden sich Jungen für Fächer, die ihrem Lebensstil entsprechen, der in erster Linie auf logischem Denken beruht.“

Von Hans Klumbies

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