Anja Sokolov berichtet: „Vor allem, wenn Menschen ihm dauerhaft ausgesetzt sind, essen manche Menschen mehr und vor allem Ungesundes. Das zeigen Untersuchungen.“ Die Zeit rennt, der Chef macht Druck. Der Haushalt ruft, und die Kinder streiten sich. In solchen Stresssituationen greifen viele Menschen gerne zu Schokolade, Nüssen, Chips, und anderen kalorienreichen Lebensmitteln. Das kann insbesondere bei anhaltender Beanspruchung zum Problem werden. Der Neurobiologe Herbert Herzog vom Garvan Institut für medizinische Forschung in Sydney erklärt: „Stress schaltet den Bereich des Gehirns aus, der uns signalisiert, dass wir genug gegessen haben.“ Herbert Herzog und Kollegen haben an Mäusen untersucht, wie sich chronischer Stress auf das Essverhalten und das Gewicht auswirkt. Sie haben gezeigt, dass chronischer Stress in Verbindung mit einer kalorienreichen Ernährung zu einer immer stärkeren Nahrungsaufnahme führen kann.
Stress
Sicherheit ist ein essenzielles Bedürfnis
Der Umgang mit der Angst in den Medien zeigt eindrücklich, wie stark Sicherheit ein essenzielles menschliches Bedürfnis ist. Hans-Otto Thomashoff betont: „Und so besteht eine zentrale Aufgabe des Staates darin, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen, im Inneren wie im Äußeren. Fehlende Sicherheit ist neben Ungerechtigkeit die entscheidende Ursache für übermäßigen Stress in einer Gesellschaft. Denn dort, wo die Sicherheit bedroht ist, entsteht Angst.“ Für Angst ist das menschliche Gehirn besonders anfällig, weil es eben für das Überleben hilfreich war und ist, drohende Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Abhängig von früheren Erfahrungen ist die Angstneigung allerdings individuell verschieden. Hans-Otto Thomashoff weist darauf hin, dass Gefühle aufgrund der Resonanz der Spiegelneuronen ansteckend sind. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Grübeln verursacht psychische Störungen
Wie sehr Grübeln für viel psychischen Störungen und psychosomatische Krankheiten verantwortlich ist, wurde lange Zeit unterschätzt. Gerade der Umgang mit negativen Gedanken ist für viele Menschen ein Problem, für das sie keine geeignete Lösung haben. Heinz-Peter Röhr erklärt: „Nachdenken ist ein Instrument, um Probleme zu lösen. Finden wir keine Lösung, suggeriert nicht selten ein unbestimmtes Gefühl, dass durch intensiveres Nachdenken doch noch eine Lösung gefunden werden könne.“ Liegt die Lösung für ein Problem in der Zukunft beziehungsweise ist nicht möglich, kann noch so viel Nachdenken nicht weiterhelfen, sondern läuft ins Leere. In diesem Fall ist Nachdenken schädlich! Man gerät in einen Teufelskreis und fängt an zu grübeln. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Stress führt in die psychische Regression
Übermäßiger Stress macht krank. Hans-Otto Thomashoff weiß: „Er ist in unserer Gesellschaft zu einer zentralen Gefahr für unsere Gesundheit und damit zum entscheidenden Kostenfaktor in unserem Gesundheitssystem geworden. Die Mehrheit aller Erkrankungen – rund 80 Prozent – geht wesentlich auf ein Übermaß an Stress und auf unseren Lebensstil zurück.“ Sie wären somit vermeidbar. Damit nicht genug, hat Dauerstress auch massive Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima. Das Niveau der Aggressivität steigt im Stress, wie jeder aus eigener Erfahrung weiß. Zugleich führt Stress in die psychische Regression. Wenn einem Menschen alles zu viel wird, dann strebt er nach Vereinfachung und will am liebsten die Verantwortung abgeben. Heutzutage ist man mit einer Paradoxie konfrontiert: Trotz wirtschaftlichen Wohlstands nimmt die Anfälligkeit für Stress in der Gesellschaft deutlich zu. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Die Beschleunigung prägt die Gegenwart
Immer mehr Menschen entwickeln das Gefühl, dem Veränderungstempo in der Arbeitswelt nicht länger gewachsen zu sein und abgehängt zu werden. Immer ausgefeiltere Techniken helfen ihnen, immer mehr Zeit zu „sparen“, und doch haben sie immer weniger davon. Daniel Goeudevert erklärt: „Dieses seltsame Paradox scheint mir geradezu eine Grunderfahrung der Gegenwart zu sein, deren prägendstes Merkmal ja tatsächlich die Beschleunigung ist.“ Immer mehr in immer kürzerer Zeit zu schaffen, ist das mantramäßig gepredigte Ideal des Industriezeitalters. Denn die permanente Temposteigerung prägt ja längst nicht mehr nur Wirtschaft und Arbeitswelt. Sie hat ebenso das soziale wie das ganz private Leben erfasst. Auch die „freie“ Zeit ist zum Teil auf das Engste durchgetaktet. Daniel Goeudevert war Vorsitzender der deutschen Vorstände von Citroën, Renault und Ford sowie Mitglied des Konzernvorstands von VW.
Virtuelle Welten verursachen Stress
Wer sich vom Strudel von ständigem Konsum und andauernder Action verfängt, sucht oft nach einem Ausgleich in virtuellen Beziehungen. Hans-Otto Thomashoff warnt: „Doch im Vergleich mit den Reichen und Schönen nimmt der Stress nur zu. Und Likes können ein echtes Lächeln nicht ersetzen. Dasselbe gilt für die Ersatzbeziehungswelten in Videospielen, Internetpornos und Fernsehserien.“ Die Stressbelastung steigt weiter an. Unzufriedenheit entsteht. Man sucht Gleichgesinnte, mit denen man die Gründe für das eigene Unbehagen ausmacht, die jedoch oft an den wahren Ursachen vorbeigehen. Wut und Resignation verstärken den Druck. Im Dauerstress werden Entzündungsparameter im Blut hochgefahren und die Bildung von Antiköpern gehemmt. Das Krankheitsrisiko steigt, die Lebenserwartung sinkt. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Gestresste Kinder lernen nicht
Die Forschung über Autoritarismus hat die möglichen Schutzwirkungen von Bildung inzwischen ziemlich genau untersucht. Und auf den ersten Blick sehen die Befunde nicht einmal schlecht aus. Menschen mit höherem Bildungsgrad sind im Durchschnitt – wenn auch in eher bescheidenem Ausmaß – tatsächlich weniger rechtsautoritär geneigt. Herbert Renz-Polster fügt hinzu: „Insbesondere ein Universitätsstudium geht in manchen Ländern, auch in Deutschland, mit einer geringeren Neigung zu Vorurteilen und Ausgrenzung einher.“ Die Autoritarismusforscherin Susanne Rippl gibt schränkt ein: „Für sich allein reicht Bildung als Faktor zur Prävention gegenüber Vorurteilen nicht aus. Entscheidend seien vielmehr die Einflüsse der Gesellschaft drumherum.“ So hat zum Beispiel in Ägypten das Bildungsniveau überhaupt keinen Einfluss auf soziale Vorurteile. Der Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster hat die deutsche Erziehungsdebatte in den letzten Jahren wie kaum ein anderer geprägt.
Passiv-aggressive Personen reagieren neurotisch auf Stress
Menschen mit mäßig kränkenden und kränkbaren Anteilen zählen zu den sogenannten „passiv-aggressiven“ Persönlichkeitsstörungen. Reinhard Haller erläutert: „Bei diesen sind Kränken und Gekränktsein als neurotischen Reaktionen auf Stress jeglicher Art zu verstehen.“ Kennzeichnend ist die Verweigerung von sozialer und beruflicher Anforderung. Dazu gesellen sich passiver Widerstand und mürrisch streitsüchtiges – also kränkendes – Verhalten. Ihre negativistische Haltung resultiert aus der Angst, von anderen missverstanden und missachtet zu werden. Die Kränkbarkeit wird durch Neid gegenüber der scheinbar glücklichen Gesellschaft intensiviert. Nach der kognitiv-behavioralen Therapie ist das Wesentliche der passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung „ein spezifisches Muster, Ärger in sozialen Beziehungen auszudrücken. Und zwar in einer gereizten verbalen und nicht verbalen Art, die zugleich selten oder nie zu befriedigenden Problemlösungen führt“. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Die Angst vor dem Terror ist weit verbreitet
Die Angst sitzt in den Köpfen vieler Menschen und hat sich, teilweise unbemerkt, in ihren Alltag geschlichen. Auch wenn sie sich dessen manchmal gar nicht bewusst sind oder es sogar abstreiten: Sie schlägt sich in ihrem Lebensgefühl, ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen nieder. Georg Pieper fügt hinzu: „Wir bewegen uns nicht mehr so frei und unbeschwert, wie wir es bislang gewohnt waren.“ Veränderungen in der Lebensgestaltung und im Verhalten der Menschen beobachtet Georg Pieper besonders deutlich im Zusammenhang mit der Angst vor islamistischen Terror. Vieles, was vormals für Freiheit, Lebensfreude, Genuss, Leichtigkeit, für Dolce Vita stand, hat durch die Angst vor Terror einen bitteren Beigeschmack und eine Schwere bekommen. Dr. Georg Pieper arbeitet als Traumapsychologe und ist Experte für Krisenintervention.
Naturerlebnisse schenken einem Menschen Ruhe und Freiheit
Amerikanische Psychologen von der Universität Rochester interessierten sich für die Frage, welche Auswirkungen ein Naturerlebnis auf die Einstellung von Menschen zu ihren Mitmenschen hat. Sie unterschieden hierzu zunächst zwei generelle Lebensziele, intrinsische und extrinsische. Manfred Spitzer erklärt: „Intrinsische Motive betreffen unsere eigenen Grundbedürfnisse wie das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Vertrautheit und persönlichem Wachstum. Extrinsische Motive hingegen betreffen Dinge, die nicht selbst einen Wert haben, sondern deren Wert davon abgeleitet ist, dass alle danach streben. Geld oder ein guter Ruf sind Beispiele für derartige Motive.“ Interessanterweise hängt das persönliche Glück sehr stark davon ab, ob man eher auf die Gemeinschaft oder auf sich selbst fokussiert ist. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen.