Stress führt in die psychische Regression

Übermäßiger Stress macht krank. Hans-Otto Thomashoff weiß: „Er ist in unserer Gesellschaft zu einer zentralen Gefahr für unsere Gesundheit und damit zum entscheidenden Kostenfaktor in unserem Gesundheitssystem geworden. Die Mehrheit aller Erkrankungen – rund 80 Prozent – geht wesentlich auf ein Übermaß an Stress und auf unseren Lebensstil zurück.“ Sie wären somit vermeidbar. Damit nicht genug, hat Dauerstress auch massive Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima. Das Niveau der Aggressivität steigt im Stress, wie jeder aus eigener Erfahrung weiß. Zugleich führt Stress in die psychische Regression. Wenn einem Menschen alles zu viel wird, dann strebt er nach Vereinfachung und will am liebsten die Verantwortung abgeben. Heutzutage ist man mit einer Paradoxie konfrontiert: Trotz wirtschaftlichen Wohlstands nimmt die Anfälligkeit für Stress in der Gesellschaft deutlich zu. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

Katastrophen erregen stets Aufmerksamkeit

Verantwortlich dafür ist neben dem vermehrten Leistungsdruck vor allem die allgegenwärtig verfügbare Information. Weil die Medien dem Druck des Marktes ausgesetzt sind, setzten sie alles daran, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. Katastrophen eignen sich besonders dazu, Beachtung zu finden, weil das menschliche Gehirn unwillkürlich auf Bedrohungsreize anspringt. Schließlich hat sich die Strategie, bei Gefahr wachsam zu sein, in der Evolution bewährt.

Permanent berichten die Medien über alltägliche Unglücksfälle und Gewalt, über Kriege und Terror, über das Coronavirus. Hans-Otto Thomashoff stellt fest: „Als Nebenwirkungen eines solchen Nachrichtenkonsums entstehen Dauerstress oder Abstumpfung. Vor allem die Berichterstattung zur Corona-Krise war darauf ausgelegt, immer neue Dramen, Bedrohungsszenarien und persönliche Schicksale zu liefern.“ Das versetzte die Menschen in Angst, führte zu einem intensivierten Medienkonsum und bescherte den Online-Zeitungen prächtige Zuwachsraten.

Ideologen versuchten die Corona-Krise für sich zu instrumentalisieren

In der Pandemie mussten die Politiker fraglos schwere Entscheidungen treffen. Angesichts von der Berichterstattung angeheizten Panik schien es besser, Aktionismus an den Tag zu legen, als kalkuliert die Konsequenzen abzuwägen. Und so waren die politischen Maßnahmen nicht immer durchdacht oder vorbereitet, sondern entsprangen der getriebenen Reaktion auf die von den Medien angefachte Stimmung. Flugs sprangen Ideologen auf den Zug auf und versuchten, die Krise für sich zu instrumentalisieren.

Die Ideologen forderten Enteignungen und Umverteilung auf der einen oder autoritäre Strukturen auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Hans-Otto Thomashoff erläutert: „Sachlichkeit in der Berichterstattung war kaum noch zu finden. Dabei gibt es öffentlich-rechtliche Sender, die als wichtiges Korrektiv in einer Demokratie der neutralen und rationalen Nachrichtenberichterstattung eine sichere Stellung im Informationswettbewerb garantieren sollen.“ Doch die Corona-Krise zeigte einmal mehr, wie die öffentlich-rechtlichen Sender längst dem Wettbewerb um Aufmerksamkeit unterworfen sind und welchen Einfluss das auf Inhalt und Präsentation ihrer Sendungen hat. Quelle: „Mehr Hirn in die Politik“ von Hans-Otto Thomashoff

Von Hans Klumbies

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