Jeder Mensch hat die Fähigkeit, Zuneigung zu fassen und Zuneigung zu wecken. Dadurch entstehen die möglichen Bahnen, auf denen sich im Geflecht seiner unendlichen Lebensbeziehungen Sinn materialisiert. Isabella Guanzini erklärt: „Wir kommen in der Sprache der ursprünglichen Zärtlichkeit zur Welt. Und so können wir auch nur dank der Sprache der alltäglichen Zärtlichkeit in der Welt leben und sie menschlich gestalten.“ Der Unterricht in der Schule setzt immer mehr auf kognitive Techniken wie Mind Maps. Man muss jedoch auch eine Bildung fördern, die Landkarten der Gefühle entwirft. Diese kann der Gefühlswelt der aufwachsenden Generationen eine Orientierung geben und Triebe in Begehren verwandeln. Das Wichtigste ist heute die lustvolle Fähigkeit zum kollektiven Aufbau, damit eine Politik des Gemeinsinns entstehen kann. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.
Gefühle
Geteilte Gefühle verbinden Menschen
Gähnt ein Mensch, der einem gegenübersitzt, fängt man auch selbst zu gähnen an und fühlt sich plötzlich müde. Hans-Otto Thomashoff erklärt: „Unbewusst ahmt unser Gehirn die Handlung nach, die es bei dem anderen erkennt, und versteht sie dadurch.“ Genau dieser Mechanismus ist die Ursache für das Ansteckungspotenzial von Gefühlen, die sogenannte Resonanz. Geteilte Gefühle, also Resonanzerlebnisse, sind der entscheidende Kitt für den Aufbau von Bindungen, die ihrerseits Ausgangspunkt für unzählige weitere Resonanzerlebnisse sind. Geteilte Gefühle binden Menschen aneinander. So entsteht Zusammengehörigkeit. Umgekehrt droht beim Fehlen von Bindungen zunehmende Vereinsamung. Dies ist oft das Schicksal vieler isolierter Bewohner in anonymen Hochhaussiedlungen und alleinstehender Menschen im hohen Alter. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Gefühlsbeziehungen sind kompliziert
Während die Regeln für ein sexuelles Verhältnis klar und einfach zu sein scheinen, wirken die Regeln für eine Gefühlsbeziehung schwer definierbar und kompliziert. Es ist für Eva Illouz interessant zu beobachten, dass manche ansonsten sehr wortgewandte und attraktive Frauen teilweise ihre Erwartungen an eine Beziehung bereitwillig einer rein sexuellen Verbindung unterordnen. Denn reine Sexualität bedroht den Anspruch auf Autonomie der Männer nicht. Sie sind bereit, sich mit einer in ihren Augen gefühllosen Beziehung zu begnügen, solange diese ihre sexuellen Bedürfnisse regelmäßig befriedigt. Dies legt für Eva Illouz nahe, dass die Sexualität ein Interaktionsbereich ist, der sich leichter bewältigen lässt und der über eine stärkere ontologische Realität verfügt als der emotionale. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Bei Traurigkeit ist man erledigt
Die Wissenschaft weiß auch heute noch nicht, wie die menschlichen Gefühle genau funktionieren. Weil man ihre Ursachen nicht erforscht, kann man ihre Wirkung nicht verstehen. Isabella Guanzini stellt fest: „So leben wir in der Verworrenheit eines Lebens, das wir dem Zufall überlassen.“ Viele Menschen folgen inadäquaten Ideen und werden so allzu leicht melancholisch und traurig.“ Baruch de Spinoza sagt dazu etwas sehr einfaches. Nämlich, dass Traurigkeit nicht intelligent macht: „Bei Traurigkeit ist man erledigt. Darum brauchen Machthaber traurige Untertanen. Angst hat noch nie zu Kultur, Intelligenz oder Lebendigkeit beigetragen.“ Die Menschen sollten also jenen Ereignissen mehr Raum geben, die zusammenführen statt zu zersetzen. Es gilt, fröhliche Übereinstimmung zu fördern. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.
Die Sprache erlebt eine enorme Müdigkeit
Eine Sprache muss fähig sein, den Seelenregungen in all ihren Facetten zwischen Hochgefühlen und Niedergeschlagenheit Raum zu geben. So können sie eine persönliche Form annehmen, bis allmählich eine Geschichte daraus wird. Doch auch die Sprache erlebt zwischenzeitlich eine außerordentliche Müdigkeit. Sie setzt ihre Hoffnungen auf neue Ausdrucksformen und kreativer Kommunikation, die Verbindung zwischen Menschen schafft, statt zu zersetzen. Isabella Guanzini erklärt: „Heute fehlen uns noch die Worte für eine gemeinsame Welt, denn es fehlt ein Wortschatz, der der Macht der Gefühle gewachsen ist.“ Ohne geeignete Form zerstreut sich die Kraft oder degeneriert zu Gewalt. Wenn sie keine Sprache findet, löst sie sich melancholisch im Enthusiasmus eines Moments auf oder in einer schockierenden Tat. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.
Die Macht des Patriarchats ist groß
Eva Illouz stellt fest: „Die Existenz negativer Gefühle von Frauen beim Gelegenheitssex wurde oft zu einem Indiz für die immer noch mächtige Kultur der sexuellen Scham.“ Und sie erklären die Last der Doppelmoral, die insbesondere Frauen zu spüren bekommen, wohingegen Männer sich solchen sexuellen Abenteuern ohne symbolische Bestrafung hingeben können. Der Hauptverdienst dieser Interpretation besteht in der Erinnerung daran, dass die Macht des Patriarchats nach wie vor eine große Rolle spielt. Frauen und Männer unterliegen hier unterschiedlichen sexuellen Normen. Männer genießen dabei größere sexuelle Freiheiten, während die weibliche Sexualität von normativen und sexistischen Zwängen beengt ist. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Rache ist ein schillerndes Phänomen
Rache ist ein komplexes und ungemein vielgestaltiges, ja ein schillerndes Phänomen. Sie ist mehr als ein Gefühl, mehr als ein Gedanke, sogar mehr als eine soziale Interaktion. Reinhard Haller erklärt: „Schon ihre psychologische Einordnung ist schwierig, ein schlüssiges Erklären gelingt nie vollständig. Selbst die gefühlsmäßige Beurteilung bleibt höchst ambivalent.“ Obwohl Rache überwiegend als moralisch verwerflich und sozial unerwünscht gilt, sind ihr auch zahlreiche psychologisch positive Seiten zu eigen. Man braucht dabei nur an ihre innerlich entlastenden, das Gerechtigkeitsgefühl befriedigenden oder das Selbstvertrauen aufbauende Effekte zu denken. Auf der einen Seite quält sie die Menschen, führt zu Kränkung, Neid oder Hass und stellt den Gegenpol zu Vergeben und Verzeihen dar. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Kontrollverlust fällt unterschiedlich aus
Wie oft und wie intensiv jemand die Kontrolle über seine Gefühle verliert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Heinz-Peter Röhr benennt Ausnahmen: „Es gibt sie, Individuen, die eigentlich nie die Kontrolle über ihre Gefühle verlieren. Was auch geschieht, sie bleiben ruhig und überlegt.“ Das kann sogar bei anderen zu verstärktem Ärger führen, wen sie es nicht ertragen können, dass jemand trotz der offensichtlich aufregenden Situation teilnahmslos bleibt. Wenig oder keine Gefühlsregung zu zeigen, stört fast immer die soziale Kommunikation, die auch über den Austausch von Gefühlen stattfindet. Wer in einem Gespräch nicht „mitschwingt“, Gefühle unterdrückt oder nicht erkennen lässt, wird schnell langweilig. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Scham ist ein überaus belastendes Gefühl
Wenn man eine zentrale, moralische Regel bricht, wird das ein ungutes Licht auf die eigene Person werfen. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Es zeigt mehr als einen Regelbruch, sondern weist auf einen persönlichen Makel hin, stellt unsere Identität und unseren Wert als guten Menschen infrage.“ Daher keimt neben extrem intensiven Schuldgefühlen, Angst vor Strafe und sozialer Abwertung ein weiteres auf: ein Schamgefühl. „Was sollen die Leute von mir denken? Wie konnte ich das nur tun? So peinlich.“ Scham will unter den Teppich kriechen und nie wieder hervorkommen. Es ist ein wichtiges, doch ebenfalls überaus belastendes Gefühl. Aber auch daraus kann ein Ausstieg gelingen. Die Übertretung moralischer Gesetze lässt also vorrangig ebenfalls Schuldgefühle entstehen. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Der Verstand löst Gefühle aus
Verstand und Gefühl sind keine Gegensätze. Ununterbrochen löst der Verstand mithilfe von Gedanken Gefühle in allen Menschen aus, ohne dass sie dies immer bewusst beobachten. Heinz-Peter Röhr erläutert: „Jeder spricht in Gedanken unablässig mit sich selbst, und so wie man mit sich selbst redet, gestalten sich Gefühle.“ Wer sich in einem depressiven Gedankenkarussell bewegt, hat unweigerlich Gefühle, die ihn herunterziehen. Seine Gefühle, seine Stimmung hellt sich allmählich auf, wenn er intensiv an ein freudiges Ereignis denkt. Im Vorfeld einer depressiven Erkrankung beschäftigen Betroffene extrem negative Gedanken. Das Gedankenkarussell lässt sich nicht mehr stoppen. Es ist auch hier wieder der Kontrollverlust, der darauf aufmerksam macht, dass etwas verkehrt läuft. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.