In der Natur geschieht alles unmittelbar

Die psychoanalytische Kulturtheorie á la Sigmund Freud ist eine des Glücks oder, besser, des verbotenen Glücks. Im Jahr 1930 erscheint sein Essay „Das Unbehagen in der Kultur“. Peter Trawny weiß: „Diese steht kurz davor, weltweit abgeschafft zu werden.“ Was hatte die böse Kultur denn getan? Das Pendant zur Kultur war die Natur. In der Natur geschieht alles unmittelbar, will sagen, ohne dass die natürlichen Vorgänge von einem nachdenkenden und zögernden Filter unterbrochen würden. Heutzutage haben viele Menschen die Natur – beinahe – ganz verlassen und leben in kultivierten Verhältnissen. Beinahe – denn noch besitzen sie etwas, was sie mit natürlichen Prozessen verbindet, das selbst noch natürlichen, will sagen, besinnungslosen Vorgängen ausgesetzt ist: den Körper. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

Der Geschlechtsakt verbindet den Menschen mit der Natur

Wie? Was denn im Körper geschieht besinnungslos? Mehr oder weniger alles: Niemand kann seine Verdauungsvorgänge oder seinen Blutkreislauf bewusst organisieren. Zwar sind die Menschen medizinisch in der Lage, die organischen Prozesse im Körper zu beeinflussen. Doch selbst der geistigste Mensch hat es noch nicht geschafft, sich kraft des unmittelbaren Einsatzes seines Denkens vom Krebs zu befreien. Für Sigmund Freud scheint nun das zentrale Geschehen, dass die Menschen noch mit der Natur verbindet, der Geschlechtsakt zu sein.

Sigmund Freud schreibt in jenem Essay: „Die heutige Kultur gibt deutlich zu erkennen, dass sie sexuelle Beziehungen nur aufgrund einer einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes an ein Weib gestatten will, dass sie die Sexualität als selbstständige Lustquelle nicht mag und sie nur als bisher unersetzte Quelle für die Vermehrung des Menschen zu dulden gesinnt ist.“ Irgendwann ging der Mensch dazu über, in monogamen Familienverhältnissen zu leben.

Die Liebe soll über den Tod siegen

Peter Trawny erklärt: „Dann befand sich der Mensch in geordneten Verhältnissen und begann, die Sexualität als selbstständige Lustquelle zu vermissen.“ Warum? Weil nach Sigmund Freud Sexualität nichts anderes als „Glück im strengsten Sinne“ ist, anders gesagt, dass „die geschlechtliche Liebe eigentlich das Vorbild für alles Glück“ darstellt. Der Geschlechtsakt bringt „Triebbefriedigung“, die glücklich macht, der unbefriedigte Trieb bleibt unglücklich.

Also geht es darum, die freie Liebe auszurufen? Nein, die „völlige Befreiung des Sexuallebens“, weiß Sigmund Freud, beseitige „die Familie, die Keimzelle der Kultur“. Der Psychoanalytiker will jedoch alles andere, als die Kultur zu beseitigen. Er will den Liebenden die Notwendigkeit und die Möglichkeit der Sublimation zeigen. Zwar soll der zeugende Eros über den zerstörenden Thanatos, die Liebe über den Tod siegen. Doch dieser Sieg soll ein Sieg der Kultur sein. Quelle: „Philosophie der Liebe“ von Peter Trawny

Von Hans Klumbies

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