Jeder Mensch beurteilt das Böse anders

Es ist nahezu unmöglich, das Böse zu quantifizieren und eine böse Tat mit der anderen zu vergleichen. Reinhard Haller nennt den Grund: „Es gibt dafür keinen Maßstab, die Bösartigkeit ist nicht messbar.“ Dazu kommt, dass jeder Mensch das Böse anders beurteilt und als Opfer unterschiedlich darauf reagiert. Selbst in der Wertung der Mutter des Bösen, des Krieges, gehen die Meinungen auseinander. Sie reichen vom „präventiven“ über den „notwendigen“ und „gerechten“ bis zum „heiligen“ Krieg. In jüngster Zeit wurde mit der Entwicklung der „Skala des Bösen“ durch den amerikanischen Psychiater Prof. Michael Stone und der „Skala der Verderbtheit“ durch dessen Kollegen Dr. Michael Welner aus New York Versuche gemacht, das Böse wissenschaftlich zu messen. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Michael Stone entwickelte eine Skala der Verderbtheit

Michael Stone entwickelte nach der Auswertung von 279 Fallgeschichten von Ehepartnern, Eltern und Kindern, die ihre Angehörigen umgebracht hatte, eine Messskala, die er als „Gradations of Evil“ bezeichnete. Die Skala ist so aufgebaut, dass jede Stufe jeweils die Verderbtheit der vorhergehenden beinhaltet und ein zusätzliches böses Element enthält. Am unteren Ende dieser 22-stufigen Skala sind jene angesiedelt, die in Notwehr, also völlig ungeplant, töten.

An oberster Stelle stehen diejenigen mit hohem Planungsgrad und schwerster Ausübung von Aggression, wie sie beim Prototyp des psychopathischen Mörders vorliegen. Dieser strebt nur danach, seine Opfer so intensiv uns so lange wie nur irgendwie möglich zu quälen und leiden zu lassen. Der auf einer allgemein verständlichen, heftigen Gemütsbewegung beruhende Totschlag wäre somit als viel weniger böse einzustufen als der auf Gewinn abzielende Mord oder eine Tötung aus „niedrigen Beweggründen“, etwa zur Befriedigung der bösen Lust.

Die Notwehr wird nicht mit dem bösen Willen in Verbindung gebracht

Reinhard Haller erläutert: „Je mehr der Wille durch situative Gegebenheiten, emotionale Erregung oder die enthemmende Wirkung von Alkohol und Drogen eingeschränkt und je nachvollziehbarer der Gefühlszustand des Täters für den Durchschnittsmenschen erlebbar ist, desto geringer ist der Grad des Bösen.“ Die Skala von Michael Stone deckt somit das ganze Spektrum von Notwehr bis zum kalt geplanten und durchgeführten sadistischen Mord ab.

Während die Notwehr nicht mit dem bösen Willen in Verbindung gebracht wird, spielt dieser bei der Notwehrüberschreitung schon eine gewisse Rolle und nimmt in seiner Bedeutung zu, wenn der Täter mehr agiert als reagiert. Die Mitleidstötung zum Beispiel ist nach allgemeinem Verständnis auf der Skala des Bösen weit unten anzusiedeln. Etwas unterhalb der Skala des Bösen sind jene Taten anzusiedeln, bei denen durch eine böse Tat eine noch schlimmere verhindert oder abgewendet wird. Quelle: „Das Böse“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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