Die Bewältigung des Ödipuskomplexes ist eine Gratwanderung

Der Ödipuskomplex, von Sigmund Freud zum Kernstück der analytischen Theorie gemacht, umschreibt laut Helm Stierlin eine psychische Konstellation, die dem einzelnen im Alter von etwa fünf bis sechs Jahren durch biologische und soziale Gegebenheiten aufgezwungen wird. Helm Stierlin schreibt: „Der Komplex fällt in die Zeit, da die Zweierbeziehung zur Mutter sich umgestaltet: auch der Vater wird nun für das Kind zu einer zentralen Beziehungsperson.“ So wird der Vater für den Sohn in dieser Phase nicht nur ein Modell der Männlichkeit, das ein Junge für den Aufbau der eigenen Männlichkeit braucht, sondern auch zu einem frustrierenden Rivalen.

Der Sohn muss den Vaterhass überwinden und die Mutter als Liebesobjekt aufgeben

Helm Stierlin schreibt: „Der Sohn muss unter anderem seinen Vaterhass in einer Weise bewältigen, die zu einer nicht zu starken Idealisierung des Vaters führt. So bildet sich sein Über-Ich, sein Gewissen, in dem der Vater zugleich als Ideal und verbietende Instanz verinnerlicht ist.“ Zudem muss der Sohn die Mutter als Liebesobjekt aufgeben, jedoch ihr Bild in sich so fixieren, dass es ihn als Erwachsenen zu einem geeigneten weiblichen Partner hinführen kann.

Die Bewältigung des Ödipuskomplexes ist daher für Helm Stierlin immer eine gewisse Gratwanderung. Denn wenn beispielsweise der Vater vom Sohn zu sehr gehasst wird, misslingt leicht die notwendige positive Identifizierung mit ihm. Fehlt der Vater jedoch als Rivale, dann ist ein wichtiger Stachel zur eigenen Individuation nicht vorhanden. Wenn aber die erotisch-zärtliche Bindung an die Mutter zu stark ist, kommt es leicht zur Fixierung und positiven Angleichung an die Mutter, die unter anderem zur Basis einer späteren Homosexualität werden kann.

Mutter und Vater müssen als Beziehungspartner und Indentifikationsfiguren für das Kind da sein

Das Gelingen der ödipalen Gratwanderung des Kindes verlangt, dass beide Elternteile zu einem kritischen Zeitpunkt der kindlichen Entwicklung in einer ganz bestimmten Weise für das Kind da sein müssen. Helm Stierlin erklärt: „Beide müssen sie, weder zu nah noch zu fern, weder zu befriedigend noch zu versagend, als Beziehungspartner und Identifikationsobjekte zur Verfügung stehen.“ Diese Forderung können die Eltern seiner Meinung nach jedoch nur dann erfüllen, wenn ihre Beziehung zueinander und zum Kinde bereits eine erfüllte Dauer und damit Geschichte hat.

Diese dauerhafte Verbundenheit, das daran geknüpfte Erkämpfen der Spielregeln innerhalb einer Beziehung und die durchlebte positive Gegenseitigkeit sind notwendig, damit der Augenblick der nie wiederkehrenden ödipalen Konstellation für das Kind genutzt werden kann. Helm Stierlin ergänzt: „Wenn zwei Eltern bisher etwa in einem Zustand emotionalen Scheidung gelebt haben, dann fehlt ihrer Beziehung die durchlebte Geschichte. Augenblick und Dauer können dann während der kritischen ödipalen Phase nicht zum Nutzen des Kindes und der Eltern versöhnt werden.“

Kurzbiographie: Helm Stierlin

Helm Stierlin, geboren 1926, studierte Philosophie und Medizin in Heidelberg, Freiburg und Zürich. Von 1957 bis 1974 arbeitete er als Psychiater und Psychotherapeut hauptsächlich in den USA. In der Zeit von 1966 bist 1974 betrieb er klinische Forschung am National Institute of Mental Health in Bethesda, und zwar mit den Schwerpunkten Schizophrenie, Psychopathologie der Adoleszenz sowie Familientherapie.

Von 1974 bis 1991 leitete Helm Stierlin die Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung an der Universität Heidelberg. Zu seinen wichtigen Veröffentlichungen zählen unter anderem: „Das Tun des einen ist das Tun des anderen“, Adolf Hitler. Familienperspektiven“ sowie „Eltern und Kinder im Prozess der Ablösung“.

Von Hans Klumbies

7 Comments - Write a Comment

    1. Achso, und was genau ist deiner Ansicht nach die Verwirrung? Nur mit einem Satz immer die Bekannten der Welt kritisieren wollen, ist nicht gerade die stärkste aller Kritiken.

      Reply
  1. „Angleichung an die Mutter, die unter anderem zur Basis einer späteren Homosexualität werden kann.“ – ist schon mal größter Schwachsinn.
    Homosexualität ist keine Störung und schon gar kein Problem der Erziehung.

    Reply
    1. Man darf das alles nicht als Alleinstellungsmerkmal verstehen sondern man muss den Praxisbezug haben. Ich habe den leider, mein 41 j. Bruder wohnt bei meiner 72 j. Mutter. Da gab’s kein Schwulsein als Plan B. Man darf nämlich die Charaktere der Beteiligten nicht außer acht lassen. Und wenn es denn solche Charaktere nicht gibt und die ganze Situation als solches nicht so entwickelt, sagt man als große Schwester eines Tages: mein Bruder ist ganz arm dran und er tut mir leid. Ich kann daran nichts ändern. Wenn das ödipale Dreieck bei Zeugung oder später Geburt schon unwiderruflich brüchig ist und wenn man Mutter und auch noch Tante hat, die ihm einreden, von Psychologen und Psychiatern halten sie nichts, na ich weiß nicht, ob ich das Recht dazu nehmen würde, das Ganze so zu bewerten. Und wenn es eine Mutter gibt, wie meine, die per Vertrag in der Übergabe von Haus und Grundstück noch davon ausgeht ( wobei sie mich total verarscht hat ), dass mein psychisch kranker Bruder sie pflegen und beerdigen kann, na wenn das nicht realitätsfern und narzisstisch ist … Man darf nie vergessen, dass es sich hierbei niemals um Bilderbuch Familien handelt.

      Reply
  2. Natürlich nicht!
    Homosexualität fällt vom Himmel oder steckt in den Genen und die Erde ist eine Scheibe . . . . .
    Unsere desorientierte, egozentrische Gesellschaftsform ist die größte neuzeitliche Brutstätte für jegliche seelische Entwicklungsstörungen.

    Reply
  3. Das hat mit unserer Gesellschaft nichts zu tun. Das hat sehr viel mit weitergetragenen und mich therapierten Narzissmus nach Kriegsende zu tun, zumal Narzissmus nicht oder nur bedingt therapierbar ist.

    Reply

Post Comment