Auch verschobene Rache kann süß sein

Nachdem wissenschaftlich lange Zeit darüber diskutiert wurde, ob verschobene Rache dieselbe Befriedigung bringe wie das direkte Zurückzahlen an den Schädiger, konnte eine Forschergruppe um Mario Gollwitzer nachweisen, dass auch verschobene Rache recht süß sein kann. Reinhard Haller weiß: „Direkte Rache löst beim Rächer weniger Schuldgefühle aus und führt zu mehr Befriedigung als verschobene Rache.“ Diese wird nur dann als mäßig befriedigend erlebt, wenn das unbeteiligte Opfer und der ursprüngliche Übertäter einer untereinander eng verbundenen Gruppe angehörten. Nach Mario Gollwitzer ist deshalb verschobene Rache, die wohl auch der Sippenhaft zugrunde liegt, nicht nur das Ausleben der eigenen Frustrationen an irgendeiner anderen Person und auch nicht als irrationaler Impuls zu betrachten. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Die Einstellungen zur Rache sind ambivalent

Vielmehr kann sie als zielorientierte Handlung dem Rächer eine gewisse Genugtuung bereiten. Wie ambivalent und unsicher Menschen in ihrer Einstellung zur Rache sind, zeigt sich in der Vielzahl von Ausdrücken und Begriffsabstufungen, mit denen sie ihr einen harmloseren Namen geben. Dies beginnt mit eigentlich wohlmeinenden klingenden Formulierungen wie „Ich werde dir helfen“ oder „Ich werde es dir zeigen“, unter denen jedoch stets eine Drohung und das Ankündigen einer Racheaktion verstanden wird.

Wenn man von „Revanche“ spricht, hört sich dies sportlich an. „Zurückzahlen“, englisch „pay back“, wirkt schon bedrohlicher, zielt aber ausschließlich auf ein Wiederherstellen von Gerechtigkeit ab. Mit jemandem „abrechnen“ erinnert bereits an die Mafia, und beim „Büßenlassen“ versteckt sich hinter dem religiösen Mantel ein Stück Sadismus. Schon wenn man das nahezu ehrwürdige Sprichwort „Wer hoch steigt, der fällt tief“ verwendet, klingt neben der Beschwörung von Gerechtigkeit und Ausgleich, dieser so wichtigen Rachemotive, auch Schadenfreude durch.

Schadenfreude bereitet durchaus Freude

Hinter der Feststellung „Man begegnet sich im Leben immer zweimal“ ahnt man nichts Gutes. Und der viel verwendete, aus China stammende Spruch“ Wenn du lange genug am Fluss sitzt, siehst du irgendwann die Leiche deines Feindes vorbeitreiben“, mutet eher wie ein tröstlicher Rachegedanke denn als eine Lebensweisheit an. Reinhard Haller erläutert: „Er besagt nichts anderes, als dass der Schädiger seine gerechte Strafe, also die Todesstrafe, bekommen habe.“

Der auf Rache Sinnende musste sich in diesem Fall nicht einmal selbst die Hände schmutzig machen, sondern der Lebensstrom hat die Rache vollzogen, ganz zur Genugtuung des geduldig auf Bestrafung, Sühne und Gerechtigkeit wartenden ehemals Geschädigten. Sehr deutlich zeigt sich auch die Ambivalenz der Menschen gegenüber der Rache in ihrem Umgang mit deren scheinbar harmlosesten Form, der Schadenfreude. Reinhard Haller stellt fest: „Die Gefühlsreaktion beim Unglück oder Missgeschick anderer bereitet uns, wie der Ausdruck ja unmissverständlich sagt, durchaus Freude.“ Quelle: „Rache“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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