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Vielleicht sind alle Menschen Rassisten

Manche Menschen können sich sehr gut an Gesichter erinnern, andere besonders gut an Namen, Julia Shaw kann weder das eine noch das andere. Es gibt einfach individuelle Unterschiede bei der Fähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen. Nicht nur im Sinne des Erinnerns, sondern grundsätzlich in dem Vermögen, sich die Gesichtszüge einzuprägen. Die Fähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen, fällt in die Zuständigkeit eines spezifischen Teils des Gehirns, das man fusiformes Gesichtsareal nennt. Es mag vielleicht allzu selbstverständlich klingen, aber wenn man glaubt, eine Person klar in Erinnerung zu haben, dann hat man auch ein hohes Maß an Selbstvertrauen, wenn man gebeten wird, diese Erinnerung abzurufen. Julia Shaw ergänzt: „Aber dass wir glauben, wir hätten eine klare Erinnerung an etwas, heißt nicht unbedingt, dass das auch so ist.“ Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.

Scheinbar gibt es systematischen Alltagsrassismus

Ein Faktor, der die Fähigkeit, andere zu identifizieren, beeinflusst, ist die ethnische Zugehörigkeit. Julia Shaw erläutert: „Wenn sie schwarz sind und beobachten, wie ein Asiat ein Verbrechen begeht, haben Sie schlechte Karten, wenn Sie den Richtigen erkennen wollen.“ Dasselbe gilt für jede andere Kombination unterschiedlicher Ethnien. Menschen sind einfach generell schlecht darin, jemanden aus einer anderen ethnischen Gruppe zu identifizieren, ein Phänomen, das man Ausländereffekt oder own race bias (ORB) nennt.

Dieser Ausländereffekt stellt im Rechtswesen ein gewaltiges Problem dar, da es natürlich vorkommt, dass Menschen unterschiedlicher Ethnien Verbrechen gegeneinander begehen. Und noch schlimmer ist, dass das Recht ständig mit etwas zu kämpfen hat, das nach systematischen Alltagsrassismus aussieht. Vielleicht sind ja alle Menschen Rassisten, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Die eigene Kultur prägt einen Menschen, wie der Gesichter sieht. Man Gesichter nur deswegen erkennen, weil man bestimmte Strategien zum Erfassen von Gesichtern hat.

Die Datenbank für Gesichter nicht viel Neues verkraften

Nur weil man starke und zahlreiche Erinnerungen daran hat, wie ein Gesicht aussieht, kann man neue Gesichter identifizieren. Gesichter werden dem Gehirn durch ihre Ähnlichkeit mit Beispielen anderer Gesichter repräsentiert, die man schon gesehen hat. Julia Shaw sagt es mit anderen Worten: „Wir erinnern uns an neue Gesichter im Verhältnis zu Gesichtern, die wir bereits in unserer Datenbank haben.“ Man nennt diesen Vorgang das sogenannte exemplarbasierte Modell der Erinnerung an Gesichter.

Die Datenbank erlaubt eine Optimierung der Art und Weise, wie ein Mensch Gesichter analysiert, und minimiert die Zeit und die Mühe, die er in die Erfassung eines neuen Gesichts stecken müsste. Aber genau diese angewendeten Strategien führen zu einer Trübung der Erinnerung an neue Gesichter und können sich gegen einen selbst wenden, wenn ein Gesicht zu viele neue Merkmale hat. Es ist beinahe so, als könne die Datenbank für Gesichter nicht allzu viel Neues auf einmal verkraften. Quelle: „Das trügerische Gedächtnis“ von Julia Shaw

Von Hans Klumbies

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