Victor-Emil von Gebsattel stellt eine Theorie der Perversionen auf

Der Ansatzpunkt in der Sexualpsychologie von Victor-Emil von Gebsattel ist die Hypothese, dass es eine Norm des Liebeslebens gibt: zwei verschiedengeschlechtliche Menschen sollen dabei in Leib und Seele eins werden. Der Mensch als Individuum ist laut Victor-Emil von Gebsattel prinzipiell unganz. Das heißt, er braucht physisch und psychisch eine Ergänzung durch ein Du und kann sich und seinen Sinn des Lebens nur verwirklichen, wenn er möglichst kontinuierlich und komplett mit einem Geschlechts- und Liebespartner eins wird. Zu dieser vorgegebenen Norm muss jeder Mensch Stellung beziehen. Alfred Adler betrachtete beispielsweise die Liebe und die Sexualität als zweite Lebensaufgabe, eingebettet in die beiden anderen Lebensaufgaben der Arbeit und der Einfügung in die Gemeinschaft.

Zur triebhaften Begierde muss eine Wesensliebe hinzukommen

Für Victor-Emil von Gebsattel ist das wahre Gelingen des Sexualvorganges weitgehend daran gebunden, dass zur triebhaften Begierde eine Wesensliebe hinzukommt, das heißt, dass man den anderen wirklich meint, wenn man ihn umarmt und mit ihm eins werden will.

Victor-Emil von Gebsattel schreibt: „Alle Weisen des sexuellen Versagens, der erotischen ehelichen Fehlhaltungen, der Abwegigkeiten und Verirrungen, den Entgleisungen und Perversionen des Geschlechtslebens lassen sich unter dem Gesichtspunkt betrachten eines Zurückbleibens hinter der Normgestalt des sich vollendenden Liebesleibes, oder des weiteren als ein Ausscheren aus jener Ortung der durch die Vereigentlichung des Liebesleibes adäquaten Situation.“

Die Perversion erhält einen Anstrich des Abenteuers

Für Victor-Emil von Gebsattel ist es keine Frage, dass dieses Verneinen der Norm lebensgeschichtliche Ursprünge und Quellen besitzt. Viele Menschen lernen die Norm der Liebe unter einem so verworrenen Blickwinkel kennen, dass sie meinen, sie iden drohender Niederlagen an der Front des Lebens und der Kampfzone der Liebe erhoffen.Es sind diese Irrtümer und Verängstigungen die bei sexuell perversen Menschen häufig zur Entwertung des Normalen führen.

Laut Victor-Emil von Gebsattel behaupten sie, das Normale sei für sie zu langweilig, zu unergiebig und nur etwas für den Spießbürger. Ihre Perversion erhält dadurch den Anstrich des Abenteuers, des Exquisiten, das mit einem Schuss Genialität verbunden ist. Victor-Emil von Gebsattel erklärt: „Die Perversionen sind vom Stumpfsinn sich ewig wiederholender Fehlhaltungen imprägniert.“ Wenn die Perversion wirklich Widerstand und Aufstand gegen die Norm ist, wie Victor-Emil von Gebsattel behauptet, kann sie auch als praktizierter Nihilismus, als Destruktion und Entwertung des Lebens aufgefasst werden. Vor allem aber ist es die Angst und die Unfähigkeit, soziale Bindungen einzugehen, die bei den Sexualneurosen zu Teillösungen Anlass gibt, wodurch die Liebeswirklichkeit in Fragmente zerfällt.

Von Hans Klumbies

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