Der griechische Jüngling Narziss sah sein Spiegelbild im Wasser und war so entzückt, dass er sich in sich selbst verliebte. Nach dieser Geschichte aus der griechischen Mythologie prägte Sigmund Freud den Begriff des Narzissmus. Dieser Persönlichkeitszug steht gleichzeitig in Verbindung mit einer hohen Aggressivität. Hans-Peter Nolting erklärt: „Ähnlich wie die Psychopathen glauben die Narzissten an die eigene Grandiosität: Ich bin ein ganz besonderer Mensch und anderen überlegen. Doch anders als bei Psychopathen hat ihre Aggressivität stärker einen ärgerlich-empfindlichen Charakter.“ Besonders aggressiv reagieren Narzissten nämlich auf Bedrohungen ihres Selbstbildes. Dies zeigt sich vor allem dann, wenn jemand ihre Großartigkeit in Frage stellt. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt. Viele Jahre lehrte er als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.
Narzisst
Narzissten sind zerbrechlich
Eine Frau ist verärgert über ihren Ehemann. Dennoch hält sie sich an ein bestimmtes Ritual: Sie sagt jeden Abend, bevor sie sich schlafen legt: „Ich liebe dich“. Matthew B. Crawford erläutert: „Damit äußert sie nicht ihre Gefühle. Sie ist nicht aufrichtig. Aber sie lügt auch nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Art von Gebet.“ Sie beschwört etwas, was Wert für sie hat – die eheliche Verbindung. Auf diese Weise wendet sie sich von ihrer gegenwärtigen Unzufriedenheit ab, um sich der Beziehung zuzuwenden. So schwer greifbar diese auch als tatsächliche Erfahrung sein mag. Es heißt, das Ritual – im Gegensatz zur Aufrichtigkeit – sei „konjunktivistisch“: Man handelt so, als seien die Umstände wahr oder könnten es sein. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.
Narzissten sind oft arrogant und streitsüchtig
Laut der amerikanischen Sozialpsychologen Sara Konrath und ihrer Kollegen halten sich einige Individuen für großartige, besondere Menschen, die von anderen bewundert und geachtet werden sollten. Solche Menschen werden oft als Narzissten bezeichnet. Die narzisstische Persönlichkeit wird charakterisiert durch ein überhöhtes Selbstbild, Grandiosität, Ichbezogenheit, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. Menschen, die Narzissten sind, betrachten Narzissmus nicht als negative Eigenschaft. Sie glauben, dass sie anderen Leuten überlegen sind, und haben kein Problem damit, dies öffentlich zu äußern. Julia Shaw fügt hinzu: „Die Narzissten selbst mögen zwar glauben, dass sie großartig sind, doch andere stimmen dem nicht immer zu. Menschen mit hohen Narzissmuswerten werden oft als arrogant, streitsüchtig und opportunistisch empfunden.“ Julia Shaw forscht am University College London im Bereich der Rechtspsychologie, Erinnerung und Künstlicher Intelligenz.