Für den Verhaltensphysiologen Gerhard Roth ist das Ich eine Täuschung, da es das eine Ich nicht gibt, sondern viele Ichs. Das Ich kann beispielsweise als Gefühl auftreten, wonach das Individuum der Verursacher seiner Handlungen ist. Es hängt laut Gerhard Roth ganz davon ab, welche Gehirnregion aktiv ist, ob sich Menschen als Verursacher ihrer Handlungen fühlen oder nicht. Die Gedanken sind dabei untrennbar mit elektrischen Impulsen verbunden. Gerhard Roth sagt: „Das gilt nicht nur für Gedanken, sondern für jede Aktivität im Gehirn.“ Jeder Gedanke und jedes Gefühl hat eine neuronale Basis.
Erziehung
Ludwig Binswanger entwickelt die Daseinsanalytik
Sigmund Freud hatte ein tiefes Vertrauen in die materialistischen Dogmen und Denkweisen seiner Zeit, die dem Forschungsgegenstand des Seelenlebens keineswegs adäquat sind, wie Ludwig Binswanger scharfsichtig feststellte. Sigmund Freud schuf eine naturwissenschaftliche Psychologie, die die Idee eines seelischen Apparates vertritt, eine seelisch-sexuelle Energie, die Libido postuliert und in der Sexualität das Psychische allumfassend zu begreifen glaubt. Er zerlegte die menschliche Seele in das Ich, Über-Ich und das Es, die relativ unabhängig voneinander agieren. Alle Veränderungen im Seelenapparat sind angeblich dem Prinzip der Kausalität unterworfen. Ludwig Binswanger war mit solchen Oberflächlichkeiten nicht einverstanden.
Jesper Juul rät zu mehr Gelassenheit bei der Erziehung
Ein Kind benötigt eine gute Beziehung zu seinen Eltern, an deren Leben es teilhaben will. Besonders, wenn sie in den Kindergarten oder in die Kinderkrippe gehen, sehnen sie sich nach Zeit mit den Erwachsenen, die ein entsprechendes Erwachsenenleben führen. Denn im Kindergarten lernen die Kinder seiner Meinung nach nur etwas über das Kind sein und nichts über Erwachsene. Jesper Juul behauptet: „Wir sehen schon die ersten Folgen. Viele Jungendliche habe keine Lebenskompetenz. Sie werden depressiv, weil sie nicht wissen, wie man mit Enttäuschungen umgeht.“
Jesper Juul fordert von den Eltern weniger Nettigkeit
Eine strenge oder weniger strenge Erziehung ist für Jesper Juul weder besser noch schlechter. Familien können ihr Leben ohne die alten Tabus gestalten, aber dann werden neue entstehen. Jede Generation muss seine eigene Identität finden. Für Jesper Juul ist die deutsche Idee, dass Kindheit romantisch, nett oder süß sei, völliger Unsinn. So sind Kinder nicht und das Leben sieht auch total anders aus.
Christliche Ethik und Moral führen zum Infantilismus
Für Thomas Szasz gibt es zwei Regeln, die den Einstieg in eine neurotische Lebensführung erleichtern: Erstens das Familienmuster, zweitens die abendländische Religion und Ethik. Da der Mensch länger als alle anderen Lebewesen eine Betreuung durch die Eltern benötigt, erliegt er leicht dem Anreiz, über die eigentliche Kindheit hinaus ein Kind bleiben zu wollen. Schon Sigmund Freud hat darauf hingewiesen, dass die verlängerte Kindheit des Menschen mit seiner Disposition zur Neurose zusammenhängt. Tatsächlich kann eine verwöhnende Erziehung infantilisieren. Die Opfer einer solchen Pädagogik scheuen davor zurück, Erwachsen zu werden. Wenn sie dann eine Reihe von kindlichen Eigen- und Unarten entwickeln und ausbauen, hat sich die Neurose voll entwickelt.
Jesper Juul klärt Eltern über Erziehungsfallen auf
Der Familientherapeut Jesper Juul hat in Dänemark ein bekanntes Institut für Familientherapie gegründet und dort Jahrzehntelang Erwachsene behandelt. 2004 hat er die Elternberatung „Familylab“ ins Leben gerufen, die inzwischen in zwölf Ländern therapiert. Zurzeit dominiert in der Kindererziehung der neokonservative Ansatz, dass man Kindern Grenzen setzen muss. Im Vordergrund stehen dabei die Werte Disziplin und Gehorsam. Jesper Juul nennt Erzieher, die diese Methode anwenden, Neoromantiker. Er beobachtet sie häufig auf Spielplätzen, wie sie zu ihren Kindern lächelnd bitte sagen und sie mit Konjunktiven verwirren.
Die Triebe des Menschen sind weder schlecht noch böse
In seinem Buch „Wahrheit und Wirklichkeit. Entwurf einer Philosophie des Seelischen“ von 1929, entwirft Otto Rank eine philosophische Variante der Neo-Psychoanalyse. Im Zentrum seiner Überlegungen stehen der Wille und das Bewusstsein, wobei das Ich und nicht das Es im Vordergrund steht. Als Idealbild fungiert der Künstler, der sein Ich zum Ausdruck bringt, ohne die Zwänge der Gesellschaft zu missachten oder zu verleugnen. Der Mensch kommt zwar als triebhaftes Wesen zur Welt, wobei die Triebe für Otto Rank weder schlecht noch böse sind. Sie gehören zur Grundausstattung des Menschen, die sozialisiert und kultiviert werden müssen.
Frigidität und Impotenz zeugen von gestörter Liebesfähigkeit
Mit der Frigidität der Frau und der Impotenz des Mannes beschäftigte sich der Psychoanalytiker Wilhelm Stekel in den beiden Büchern „Die Geschlechtskälte der Frau“ (1921) und „Die Impotenz des Mannes“ (1920). Wilhelm Stekel erkannte in der sexuellen Unfähigkeit beider Geschlechter eine ausgeprägte Störung der Liebesfähigkeit. Denn der Psychoanalytiker war der Meinung, wer wahrhaft lieben könne, vermag auch in der sexuellen Vereinigung sein Glück zu finden. Wilhelm Stekel sieht wie Alfred Adler in dem Kampf der Geschlechter die zentrale Ursache der sexuellen Anomalien des modernen Menschen.
Alfred Adler: "Neurosen entstehen in der Kindheit"
Neurotische Menschen leiden laut Alfred Adler an einem Gefühl der Minderwertigkeit. Neurotiker haben oftmals auch das Gefühl der Kleinheit und der Unzulänglichkeit. Für Alfred Adler gab es keinen Zweifel daran, dass die Minderwertigkeitsgefühle in der Kindheit des Patienten entstanden sein müssen. Er kam bei seinen Forschungen zu dem Ergebnis, dass Hindernisse in der Entwicklung in der Kindheit am Anfang der neurotischen Seelenentwicklung stehen.
Alfred Adler: "Spiele bereiten auf das Leben vor"
Für Alfred Adler gibt es im Leben eines Kindes eine Erscheinung, die sehr deutlich die Vorbereitung auf das Erwachsenenalter zeigt – es sind die Spiele. Sie dienen als wichtige Helfer bei der Erziehung, regen den Geist an, beflügeln die Phantasie und fördern die Geschicklichkeit. Im Spiel zeigt sich fast immer die Vorbereitung für das künftige Leben.