Christliche Ethik und Moral führen zum Infantilismus

Für Thomas Szasz gibt es zwei Regeln, die den Einstieg in eine neurotische Lebensführung erleichtern: Erstens das Familienmuster, zweitens die abendländische Religion und Ethik. Da der Mensch länger als alle anderen Lebewesen eine Betreuung durch die Eltern benötigt, erliegt er leicht dem Anreiz, über die eigentliche Kindheit hinaus ein Kind bleiben zu wollen. Schon Sigmund Freud hat darauf hingewiesen, dass die verlängerte Kindheit des Menschen mit seiner Disposition zur Neurose zusammenhängt. Tatsächlich kann eine verwöhnende Erziehung infantilisieren. Die Opfer einer solchen Pädagogik scheuen davor zurück, Erwachsen zu werden. Wenn sie dann eine Reihe von kindlichen Eigen- und Unarten entwickeln und ausbauen, hat sich die Neurose voll entwickelt.
Friedrich Nietzsche kritisiert das Christentum

Die Psychoanalyse spricht in einem solchen Fall von Regression, der Fixierung und der prägenitalen Triebverfassung des Neurotikers. Ebenfalls infantilisierend und zur Neurose führend sind die Spielregeln, die die christliche Religion und Ethik den Menschen zumutet. Nach Thoma Szasz entmutigt das Christentum alle Regungen der Autonomie, des persönlichen Wachstums und der Entwicklung.

Die Bibel legt zum Beispiel eine erstaunliche Bevorzugung des schwachen, hilflosen, einfältigen und unbeholfenen Menschen an den Tag. Schon Friedrich Nietzsche warf dem Christentum vor, dass es ein Sklavenaufstand gegen die Werte des Lebens sei. Da die frühen Christen fast ausschließlich aus den niederen Ständen der antiken Welt entstammten, konnten sie keine positiven Lebensentwürfe entwickeln.

Die Christen proklamierten Lebensverneinung

Sie wollten den herrschenden Römern mit ihrem Reichtum, ihrer Lebenslust und Daseinsbejahung ein alternatives Lebensmodell entgegensetzen. Die Christen proklamierten die Gegenwerte der Armut, des Gehorsams, der Keuschheit und der Lebensverneinung. Daraus entwickelte sich die christliche Ethik und Moral. Friedrich Nietzsche war der Ansicht, dass diese Entwicklung der Menschheit ungeheuren Schaden zugefügt hat.

Kurzbiographie: Thomas Szasz

Der Ungar-Amerikaner Thomas Szasz wurde am 15. April 1920 geboren. Im Alter von 21 Jahren verließ er seine Heimat und wanderte in die USA aus. Dort studierte er zuerst Medizin in Cincinnati. Anschließend erhielt er eine internistische und psychiatrische Spezialausbildung in Boston und Chicago. Von 1951 bis 1956 war Thomas Szasz Lehranalytiker am Chicago-Institut. 1956 wurde er Professor für Psychiatrie an der State University of New York.

Zu einem der prominentesten Kritiker der offiziellen Psychoanalyse und Psychiatrie wurde Thomas Szasz 1961 durch sein Buch „Geisteskrankheit – ein moderner Mythos“. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen außerdem: „Die Fabrikation des Wahnsinns“ (1974), „Das Ritual der Drogen“ (1978), „Der Mythos der Psychotherapie“ (1979), „Schizophrenie – das heilige Symbol der Psychiatrie“ (1979) und „Theologie der Medizin“ (1980).

Von Hans Klumbies

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