Es gibt eine nichtrepressive Kultur

In seinem Buch „Eros und Kultur“ zieht Herbert Marcuse Sigmund Freuds pessimistische Vision dessen heran, was Kultur mit sich brachte, um eben jene Möglichkeit zu umreißen, die Sigmund Freud ausgeschlossen hatte: nämlich eine nichtrepressive Kultur. Stuart Jeffries erklärt: „Das klingt sehr stark nach neofreudianischem Revisionismus. Sein Buch aber endet mit einem Epilog, der mit „Kritik des Neo-Freudianischen Revisionismus“ überschrieben ist.“ Er beschuldigt darin mehrere berühmte Psychoanalytiker, Sigmund Freuds Werk so verändert zu haben, dass dessen kritische Implikationen weggefallen seien. Zu denen, die ins Visier Marcuses geraten, gehört ein weiteres Mal auch Erich Fromm. Marcuse war der Meinung, Fromm und die anderen Neofreudianer hätten sich von bestimmten entscheidenden Erkenntnissen Freuds getrennt. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

Herbert Marcuse kritisiert Erich Fromm

Als Beispiele nennt Herbert Marcuse die Libidotheorie, den Todestrieb, den Ödipuskomplex und die Hordentheorie, welcher zufolge ein dominanter Mann wegen seiner sexuellen Rechte über die Frauen in prähistorischer Zeit getötet wurde, was eine Schuld erzeugte, die durch die menschliche Geschichte hindurch weitergegeben wurde. Erich Fromm hatte eine marxistische Kritik an Sigmund Freud formuliert, die derjenigen von Herbert Marcuse in dessen Buch „Eros und Kultur“ nicht unähnlich war.

Stuart Jeffries erläutert: „Erich Fromm bezweifelte, dass der ödipale Kampf die ewige Wahrheit über Vater-Sohn-Beziehungen wäre, sah in ihm vielmehr eine Auseinandersetzung, die durch die Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaft begünstigt wurde.“ Herbert Marcuse geht allerdings mit seinem Vorwurf des Revisionismus gegenüber Fromm noch weiter. Er meint, sein ehemaliger Kollege habe sich von der Triebbasis der menschlichen Persönlichkeit entfernt und stattdessen ein „positives Denken“ übernommen. Er richte sein Augenmerk auf „Oberflächenerscheinungen“ und kritisiere die „Marktwirtschaft und ihre Ideologie“.

Erich Fromm und Herbert Marcuse blieben nach dem Krieg im Exil

Marcuse behauptet, Fromms Unterscheidungen zwischen gut und schlecht, zwischen produktiv und unproduktiv würden aus eben jener kapitalistischen Ideologie stammen, die er angeblich kritisiert hat. Und schlimmer noch: Er beschuldigt Fromm, dem konformistischen Slogan „Betone das Positive“ zu huldigen. Stuart Jeffries fragt: „Ist das fair gegenüber Fromm?“ Wie Marcuse so hatte auch Fromm beschlossen, nach dem Krieg im Land seines Exils zu bleiben.

Von allen Gelehrten der Frankfurter Schule war Erich Fromm derjenige, der sich in Amerika am wohlsten fühlte. Er lernte schneller Englisch und schrieb später auch in dieser Sprache auch mit größerer Gewandtheit und Leichtigkeit, und das nicht nur im Vergleich mit seinen deutschen Kollegen, sondern auch mit vielen Muttersprachlern. Zudem integrierte er sich mit größerer Bereitwilligkeit in die US-Gesellschaft. Das heißt jedoch nicht, dass er dieser Gesellschaft gegenüber unkritisch gewesen wäre. Quelle: „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries

Von Hans Klumbies

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