Viele Menschen flüchten vor der Freiheit

Erich Fromm bezieht sich in seinem 1942 erschienenen Werk „Die Furcht vor der Freiheit“ zwar explizit auf totalitäre Gesellschaften und auf die Art und Weise, wie diese sich einer tief verwurzelten menschlichen Sehnsucht danach bedienen, der Freiheit der modernen Welt zu entfliehen und in den Mutterschoß zurückzukehren. Doch Erich Fromm erkennt durchaus an, dass kapitalistische Demokratien ebenfalls eine, wenn auch andere Form der Flucht vor der Freiheit bieten. Stuart Jeffries fügt hinzu: „In seinem 1955 veröffentlichten Buch „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ führt er aus, dass der Frühkapitalismus eine hortende Orientierung aufgewiesen habe, wobei sowohl Besitztümer als auch Gefühle gehrtet worden seien.“ Im Nachkriegskapitalismus hingegen sei ein neuer Typus aufgetreten: der „Marketing-Charakter“. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

Der „produktive Charakter“ liebt und ist schöpferisch tätig

An die Stelle einer rationalen oder irrationalen, aber offenen Autorität ist die anonyme Autorität der öffentlichen Meinung und des Marktes getreten. Das individuelle Gewissen wird durch das Bedürfnis, sich anzupassen und die Billigung der anderen zu finden, ersetzt. An die Stelle des Gefühls des Stolzes und der Herrschaft über die Welt ist ein ständig zunehmendes, wenngleich meist unbewusstes Gefühl der Ohnmacht getreten. Ein solcher Mensch sei nicht dazu in der Lage, jemanden wirklich gern zu haben.

Erich Fromm begründet seine Annahme wie folgt: „Nicht, weil er so egoistisch ist, sondern weil seine Beziehung zu anderen und zu sich selbst so dünn ist.“ Gegen den Marketing-Charakter grenzt Erich Fromm seinen idealen Typus ab, den „produktiven Charakter“, der liebt und schöpferisch tätig ist, und für den Sein wichtiger ist als Haben. Solche produktiven Charaktere werden in der Marktökonomie demotiviert. Faktisch stellen sie geradezu eine Bedrohung für den Markt dar.

Zwischen dem Selbst und der Gesellschaft kann es keine Harmonie geben

Stuart Jeffries stellt fest: „Vieles davon scheint mit Herbert Marcuses Diagnose durchaus übereinzustimmen; umso schwerer ist verständlich, warum Erich Fromm im Epilog von „Eros und Kultur“ so heftig angegriffen wird. Vor dem Hintergrund von Fromms positiven Verhältnis zum Marxismus ist es unwahrscheinlich, dass er die Psychoanalyse zu einer konformistischen Psychologie abgeändert hätte – doch genau das wirft Marcuse ihm vor.“ Der Epilog wurde in leicht modifizierter Form der Zeitschrift „Dissent“ zum Abdruck vorgelegt, wo er 1955 veröffentlicht wurde und einen erbitterten Streit auslöste.

Der Streit wurde in der Zeitschrift über mehrere Ausgaben hinweg ausgetragen. Die Wurzeln des Konflikts reichen allerdings bis in die 1930er Jahre zurück, als Erich Fromms zunehmende Abneigung gegen die freudsche Orthodoxie zu einem Konflikt zwischen ihm, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno führte, was 1939 Fromms Entlassung aus dem Institut zur Folge hatte. Damals stimmten Adorno und Horkheimer Sigmund Freuds These zu, dass es zwischen dem Selbst und der Gesellschaft keine Harmonie geben könne. Quelle: „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries

Von Hans Klumbies

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