Menschen haben ein Bedürfnis nach Sinn

Vielleicht findet man Sinn weder direkt noch einfach, sondern er eignet sich einem menschlichen Leben an. Was meint Barbara Schmitz damit? Sie erklärt: „Ein Sinn im menschlichen Leben ist kein Gegenstand, den man bekommt oder verliert. Und das menschliche Leben ist kein Behälter oder Container des Sinns, sondern in dem, was wir tun und sind, in dem wie wir leben, wie wir der Welt begegnen, können wir Sinn erfahren.“ Viktor Frankl lebte mehrere Jahre in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Er betonte, dass ein Sinn im Leben Menschen die Kraft geben kann, auch schwerste Erfahrungen durchzustehen, und verstand Sinn als situative und individuelle Aufgabe. Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.

Sinn hat viel mit der eigenen Einstellung und Haltung zu tun

Barbara Schmitz erläutert: „An uns werden im Laufe des Lebens verschiedene Möglichkeiten in unterschiedlichen Situationen herangetragen, die wir selbst mit Sinn füllen können.“ Da Menschen ein Bedürfnis, einen Willen nach Sinn haben, ist es gut für sie, sich diesen Aufgaben zu stellen. Mit den Aufgaben ist auch Verantwortung verbunden. Da diese Aufgaben das Leben gewissermaßen selbst stellt, findet man den Sinn einerseits vor, andererseits gestaltet man ihn individuell aus.

Ein solches Erleben von Sinn kann man als Weise der Aneignung verstehen. Sie ist in den persönlichen Lebensbereichen allgegenwärtig. Nicht immer erlebt man diese Aneignung direkt als eine Begegnung mit dem Sinn des Lebens, sondern eher als Erfüllung in einer Tätigkeit. Nämlich als ein Aufgehen in dem, was man tut, wodurch sich eine allgemeine Zufriedenheit einstellt. Barbara Schmitz stellt fest: „Diese Weise, Sinn zu verstehen, hat viel mit Einstellung, Haltung, mit commitment zu tun.“

Menschen erzählen Geschichten über sich und ihr Leben

Zu den Formen der Aneignung von Sinn im menschlichen Leben kann es auch gehören, das eigene Leben als sinnvoll im Sinne einer Geschichte zu verstehen. Der Mensch ist, so der amerikanische Philosoph Alasdair MacIntyre, ein „story telling animal“. Barbara Schmitz ergänzt: „Unsere Identität wird ganz wesentlich darüber gewonnen, dass wir Geschichten über uns und unser Leben erzählen. Geschichten, die die Ereignisse unseres Lebens aufnehmen, in einen Zusammenhang stellen, Verbindungen schaffen, einen Plot haben und uns damit eine Möglichkeit bieten, unser Leben und uns selbst zu verstehen.“

Diese Geschichten sind keine tabellarischen Lebensläufe. Sondern sie stellen Zusammenhänge her, ordnen und strukturieren, können einzelne Begebenheiten hervorheben und andere weglassen. In solchen Geschichten des Lebens können auch Brüche und Neuanfänge stattfinden. Ob ein Ereignis ein Anfang oder ein Ende ist, liegt im Ermessen des Erzählers. Und solche Zuordnungen können sich auch plötzlich ändern. Barbara Schmitz fügt hinzu: „Vielleicht habe ich morgen eine Begegnung, die mich dazu bringt, die Geschichte meines Lebens neu zu erzählen oder eine überraschende Wendung einzubauen. Quelle: „Was ist ein lebenswertes Leben?“ von Barbara Schmitz

Von Hans Klumbies

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