Der Krieg ist der Vater des Bösen

Die schlimmste, folgenschwerste und grauenhafteste Form der Rache ist der Krieg. Reinhard Haller erklärt: „Der Vater des Bösen ist auch deshalb so verhängnisvoll, weil hier nicht nur das Aggressive und Grausame autorisiert ist, sondern weil die Psychologie des Krieges den Durchbruch aller sonst kontrollierten und zurückgehaltenen negativen Impulse zulässt, darunter auch jenen der Rache.“ Rache ist eines der Hauptmotive für Kriege, Angriffe und Gegenschläge. Sie intensiviert und prolongiert kriegerische Auseinandersetzungen. Durch nichts lässt sich die Kriegsbegeisterung eines Volkes oder einer Nation mehr stimulieren als durch Appelle an Demütigungsgefühle und an Rachebedürfnisse, die zu den wichtigsten Steuerungsfaktoren in der Massenpsychologie zählen. Im Krieg können aggressiv-sadistische Psychopathen ihre Rachebedürfnisse meist ohne Konsequenzen ausleben. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Krieg ist Rache und Rache ist Krieg

Die zu jedem Krieg gehörenden Vergeltungsmaßnahmen verstärken seinen Schrecken. Der Ausdruck „Rachefeldzug“ ist selbstredend – mit einem Wort, Krieg und Rache sind miteinander auf verhängnisvolle Weise verbunden. Racheschwüre und gezielte Racheaktionen befeuern die Endloskriege im Mittleren Osten und verhindern jeglichen Friedenschluss in afrikanischen Krisenregionen. Reinhard Haller stellt fest: „Krieg ist Ursache und Folge von Rache, Krieg ist die Bühne der Rächer, Krieg lässt Rache jeder Art zu, Krieg heizt die Rachespirale an, Krieg ist Rache und Rache ist Krieg.“

Welche enorme Bedeutung der politische Umgang mit den Rachegefühlen der Gesellschaft hat, zeigt sich in den unterschiedlichen Reaktionen auf Terroranschläge. Manche Staatenführer versprechen dem Volk Vergeltung, schwören Rache und schreiten gleich zur Tat, wie dies etwa durch den Afghanistanfeldzug der US-Regierung nach dem 9/11-Anschlag erfolgt ist. Andere rufen zur Besonnenheit und Solidarität auf, vorbildlich gesehen durch die norwegische Regierung nach dem entsetzlichen von Anders Breivik angerichteten Massaker vom 22. Juli 2011.

Offenheit braucht Sicherheit

Ministerpräsident Stoltenberg versprach seinen Landsleuten schon in seiner ersten Rede nach dem Attentat, die Antwort auf die Morde werde mehr Offenheit und Demokratie sein. Reinhard Haller ergänzt: „Stoltenberg sah keinen Widerspruch zwischen der Ablehnung eines Verbots rechtsextremer Organisationen und strengeren Kontrollen von Internetforen und Verschärfung der Antiterrorgesetze.“ Stoltenbergs Meinung nach ist eine der Voraussetzungen für Offenheit, dass sie Menschen sich sicher fühlen.

Norwegen wies damit nicht nur den Königsweg zur Überwindung gesellschaftlicher Rachebedürfnisse, sondern hatte auch demokratiepolitischen Erfolg. Die politische Debatte wurde konstruktiver, das Vertrauen der Bürger in die Gesellschaft stieg stark an. Zu weiteren Anschlägen ist es seither – man mag es nicht verschreien – nicht mehr gekommen. Hält er sich die Wichtigkeit und Häufigkeit von Rachegefühlen und -handlungen vor Augen, ist Reinhard Haller erstaunt, wie wenig sich die Wissenschaft mit diesem Thema befasst hat. Quelle: „Rache“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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