Liebe ist immer mit einem Risiko verbunden

Am Beginn eines Interviews über die Bedeutung der Liebe, das Alain Badiou mit dem Titel „Lob der Liebe“ veröffentlichte, geht er auf Werbeplakate ein, welche die Partnervermittlungs-Website „Meetic“ über Paris hinweg verteilt hat. Auf diesen Plakaten hätten Sätze gestanden wie: „Man kann verliebt sein, ohne der Liebe zu verfallen!“ Alain Badiou nennt das eine „Vollkaskoversicherung der Liebe“. Peter Trawny fügt hinzu: „Man bekommt Liebesgenuss unter der Voraussetzung einer Kalkulation seines Preises beim Scheitern.“ Durch die Website reduziert man dieses Risiko, indem man seine Erwartungen an den Anderen so klar wie möglich formuliert, indem man Ähnlichkeiten bei Hobbys und Matches bei den Sternzeichen und vielleicht sogar beim Einkommen registriert. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.

Liebe basiert anfänglich auf Leichtigkeit

Alain Badiou fasst eine solche Einstellung auf folgende Weise zusammen: „Wenn Sie nach dem Kanon des modernen Sicherheitsdenkens gut auf die Liebe vorbereitet sind, dann werden Sie den anderen loswerden, wenn er Ihren Komfort stören sollte. Wenn er leidet, ist das seine Sache, nicht wahr?“ Das Phänomen ist bekannt. Jede Liebesbeziehung basiert anfänglich auf einer Leichtigkeit, die im Laufe der Zeit verlorengeht. Ist die Liebe, was sie anfänglich ist, dann hat sie selber den Charakter des Komforts.

Sie steigert das Lebensgefühl, und ist der Partner noch ansehnlich und beruflich erfolgreich, kann man ihn im Freundeskreis stolz präsentieren. Man glänzt im Glanz des anderen gemeinsam. Doch mit der Zeit zeigen sich Schwierigkeiten. Das kann auf vielen Ebenen geschehen. Peter Trawny erklärt: „Im Alter verändert sich der Körper der Liebenden. Brüste und Hintern verlieren ihre frühere Konsistenz, die Erektionen stellen sich nicht mehr selbstverständlich ein.“

Zwei Millionen Deutsche nutzen Tinder

Zudem verbirgt der Geliebte nicht mehr seine Ängste, seine Traumata. Es erscheint, was man nicht selten „Psychomüll“ nennt. Mit dem will man nichts zu tun haben, den muss jeder für sich selbst entsorgen. Im Grund ist es bei diesem Stand der Dinge mit der Liebe schon vorbei. Die bekannteste Mobile-Dating-App Tinder wirbt mit dem Slogan „Swipe Life“. Das „Swipen“ ist die Bewegung, die man auf dem Smartphone vollzieht, wenn man die „fuckable“ Personen von den anderen trennt.

Dazu bezieht man sich auf das Facebook-Profil. Da nun an anderem Ort jemand anderes dasselbe tut, ergibt sich ein Match, dass der andere die eigene Person als ebenso „fuckable“ betrachtet. Man verabredet das Date. Es mag sein, dass unter den ungefähr zwei Millionen Menschen, die in Deutschland diese App benutzen, auch solche sind, die eine dauerhafte Beziehung suchen. Das scheint ihr jedoch nicht zu entsprechen. Schon das Swipen suggeriert eine verhältnismäßig schnelle Entscheidung für oder gegen das Date. Quelle: „Philosophie der Liebe“ von Peter Trawny

Von Hans Klumbies

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