Vertrauen wird mit Wohlwollen begegnet

Martin Hartmann nimmt an, dass Menschen im Vertrauen davon ausgehen, dass ihrem Vertrauen mit Wohlwollen begegnet wird, und meint mit Wohlwollen die Bereitschaft, das Vertrauen auch damit nicht zu enttäuschen, wenn es sich für den Vertrauensbrecher lohnen würde und wenn der Vertrauensbruch ohne nennenswerte Sanktionen vollzogen werden könnte. Die Gründe für dieses Wohlwollen nennt Martin Hartmann vorerst moralisch, ohne sehr klar angegeben zu haben, was Moral hier alles bedeutet. Moral soll vorerst nur heißen, dass der Empfänger des Vertrauens das Interesse des Anderen berücksichtigt und ernst nimmt, also im Allgemeinen alles tut, was Schaden von beiden abwendet. Martin Hartmann ergänzt: „In gewisser Weise weiß er, dass wir ihm vertrauen, und reagiert darauf mit Rücksichtnahme.“ Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

Pflichtgemäßes Handeln richtet sich nach den Gesetzen

Wenn ein solches Wohlwollen im anderen nicht vorausgesetzt werden kann, weil man davon ausgeht, dass das Eigeninteresse im Zweifelsfall überwiegen würde, dann vertraut man nicht. Aber man kann sich auf diese Person verlassen, weil man annimmt, dass die Furcht vor Sanktionen oder Strafe groß genug ist, um diese Person zu veranlassen, dem Anderen keinen Schaden zuzufügen. Martin Hartmann stellt fest: „Wir sagen nicht, dass wir darauf vertrauen, weil schlicht zu wenig Wohlwollen, also Rücksichtnahme auf uns und unsere Interessen, im Spiel ist.“

Das nennt Martin Hartmann ökonomische Verlässlichkeit. Immanuel Kant hat bekanntermaßen zwischen Handlungen aus Pflicht und pflichtgemäßen Handlungen unterschieden. Wer pflichtgemäß handelt, tut, was die Gesetze verlangen, aber die Motive und Gründe, die ihn leiten, können ganz offenbleiben. Er handelt gegenüber seinen Mitmenschen korrekt, aber nicht, weil er sie mag oder ihnen mit Wohlwollen begegnet. Spricht Martin Hartmann dagegen von Wohlwollen, dann meint er zwar nicht Handeln aus Pflicht im Sinne Immanuel Kants, aber er meint doch mehr als bloß pflichtgemäßes Handeln.

Rücksichtnahme ist mehr als nur pflichtgemäßes Handeln

Rücksichtnahme ist der Begriff, der Martin Hartmann zufolge am besten auszudrücken scheint, was er sagen will. Das eigene Vertrauen wird berücksichtigt, es wird als Vertrauen registriert und verlangt dann eine auf die eigene Person gerichtete oder an ihr orientierte Reaktion, die mehr als nur pflichtgemäß ist. Was ist bürokratische Verlässlichkeit? Martin Hartmann antwortet: „Ich verlasse mich in bürokratischer Wiese auf jemanden, wenn ich davon ausgehe, dass er sich in prinzipiell nachvollziehbarer Weise an die für unser Verhältnis relevanten Regeln hält und sie nicht willkürlich bricht.“

Bürokratische Verlässlichkeit setzt eine Transparenz der für ihr Funktionieren wichtigsten Regeln und Informationen voraus. Das heißt, diese Regeln und Informationen müssen einsehbar und zugänglich sein. Die Wendung „prinzipiell nachvollziehbar“ zeigt genau diese Transparenz an. Man muss nicht sämtliche für die eigene Person relevanten Regeln und handlungsleitenden Prinzipien einer Behörde kennen, um sich auf sie zu verlassen. Aber mit entsprechender Anstrengung kann man diese Regeln und Prinzipien einsehen und nachvollziehen. Quelle: „Vertrauen“ von Martin Hartmann

Von Hans Klumbies

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