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Dummheit ruht auf äußerst stabilen Säulen

In ihrer langjährigen Tätigkeit als Gerichtssachverständige war Heidi Kastner immer wieder mit definitionsgemäß intelligenzgeminderten Menschen konfrontiert, die irgendwelche Straftaten begangen hatten. Bei keinem einzigen von ihnen war die Intelligenz das zentrale Problem. Meist waren es ganz banale, alltägliche Beweggründe wie Gier, Wichtigtuerei oder die Unwilligkeit, Grenzen zu akzeptieren, ausschlaggebend dafür, dass sie mit dem Gericht in Kontakt kamen. Forest Gump ist für Heidi Kastner die moderne Version des einfältigen Parzival, der auf der Suche nach seinem Gral durch sämtliche weltpolitische Ereignisse seiner Zeit stolpert, ohne sich im Geringsten beeindruckt zu zeigen. Er weiß aber immer was er will und kann dabei auch immer auf seinen moralischen Kompass vertrauen. Er formuliert, dass „dumm ist, wer Dummes tut“. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.

Dumme Menschen lernen nicht aus Erfahrungen

In dieser Sichtweise spielt Intelligenz keine wesentliche Rolle. Dummheit, aus der wieder dumme Handlungen resultieren, ruht unerschütterlich auf mehreren äußerst stabilen Säulen. Heidi Kastner erklärt: „Eine davon und vermutlich die unwesentlichste ist der Mangel an denjenigen Fähigkeiten, die mit einem Intelligenztest abgefragt werden.“ Eine bedeutsamere Säule ist der Unwille, der bis zur gewollten Unfähigkeit reichen kann, aus Erfahrungen zu lernen.

Das heißt Wahrnehmungen und Erlebnisse kritisch zu analysieren, Schlussfolgerungen zu ziehen, diese auf eine Metaebene zu übertragen und analoge künftige Situationen so zu gestalten, dass die bestmögliche Entwicklung mit höherer Wahrscheinlichkeit eintritt. Teilweise beruhen dumme Handlungen auch auf unzureichendem Wissen, aber auch nur dann, wenn man den eigenen Wissensmangel nicht als problematisch erkennt oder dem heutzutage verbreiteten Irrtum aufsitzt, sowieso von allem ausreichend Ahnung damit ausreichend Beurteilungsgrundlage zu haben, um ohne weiteren Erkenntniserwerb Sachverhalte treffend bewerten zu können.

Eine beliebte Spielwiese der Besserwisserei ist die Medizin

Es erstaunt Heidi Kastner immer wieder, in wie vielen verschiedenen Bereichen sich Menschen solches Wissen und solche Fähigkeiten zuschreiben. Menschen, die für die Reparatur einer Waschmaschine mit größter Selbstverständlichkeit einen Fachmann oder zumindest einen einschlägig kundigen Bekannten rufen würden. Aber kaum fragt man sie nach einem deutlich komplexeren Thema, sprudeln die Gewissheiten nur so heraus und münden in ein Meer von guten Ratschlägen, das sich bei näherer Betrachtung als Sumpf auf unsicherem Boden erweist.

Eine beliebte Spielwiese solcher unwissenden Besserwisserei oder schlimmer noch, ignoranten Ignoranz, ist die Medizin, wo es heute von selbst ernannten Fachleuten wimmelt. Das ist vor allem in Spezialfächern der Fall, in denen der zu behandelnde Schaden nicht offensichtlich ist. Ein beträchtliches Maß an Selbstherrlichkeit ist dann vonnöten, wenn Wissen, von dessen Existenz man weiß, das sich aber nicht „stimmig“ in das eigene Weltbild einfügt, als irrelevant abgetan wird und trotzdem mit Inbrunst relevante Empfehlungen ausgesprochen werden. Quelle: „Dummheit“ von Heidi Kastner

Von Hans Klumbies

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