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Ein einfaches Weltbild bietet Sicherheit

Schon 1951 formulierte Hannah Arendt in ihrer Analyse der Entwicklung des Nationalsozialismus: „In einer sich ständig wandelnden, unverständlichen Welt hatten die Massen den Punkt erreicht, an die sie gleichzeitig alles und nichts glaubten, alles für möglich und nichts für wahr hielten. Die Massenpropaganda entdeckte, dass ihr Publikum jederzeit bereit war, das Schlimmste zu glauben, egal wie absurd es auch sein möge, und nicht besonders dagegen war, hintergangen zu werden, weil es sowieso jede Aussage für eine Lüge hielt.“ Heidi Kastner fügt hinzu: „In dieser immer komplexeren und für den Einzelnen immer weniger fassbaren Verhältnissen bietet das märchenhaft anmutende dichotome Weltbild von Gut und Böse Sicherheit und Ordnung. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.

Auch die Staatsverweigerer zählen zu den fanatischen Querdenkern

Identifizierte Feindbilder können für den bedauernswerten Zustand der Verhältnisse verantwortlich gemacht werden. Und zusätzlich besteht die Möglichkeit, durch eben diese Sachverhalte den etwas angeschlagenen Selbstwert über die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Guten“ aufzubessern. Es handelt sich also um eine auf mehreren Ebenen gewinnbringende Situation. Zu den Gruppen fanatischer „Querdenker“ zählt Heidi Kastner auch die sogenannten „Staatsverweigerer“. Sie leben in einer Welt, in der keiner „einen Vertrag mit dem Staat hat“.

Den Staat kann es nach dieser Denkweise im Übrigen gar nicht legitim geben. Die Staatsverweigerer bezeichnen ihn deshalb als „Firma“. Sie negieren auch jegliche Verpflichtungen im Sinne von Steuerleistung oder Regeleinhaltung. Aber sie fordern dagegen ein unrechtmäßig vorenthaltenes Recht auf einen Millionenbetrag nicht näher definierter Herkunft. Auch wenn diese Vorstellung recht abstrus erscheinen mag, war sie nicht widersinnig genug, um nicht Tausende Menschen in ihrem Gefolge zu versammeln.

Die globale Dummheit nimmt schneller zu als die globale Erwärmung

Heidi Kastner erklärt: „In seiner 1895 erschienen Monografie über Wahnkrankheiten befasste sich der Psychiater Eduard Hitzig auch mit dem Druck der öffentlichen Meinung zu Themen, über die in ebendieser Öffentlichkeit nur rudimentäre Kenntnisse vorhanden waren, die umso lauter vorgebracht wurden, je fundierter sie waren.“ Der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec bemerkte dazu: „Analphabeten müssen diktieren.“ In Zeiten von Umbrüchen und bedeutsamem Wandel, in denen eine Mehrzahl an Menschen aus Angst vor Veränderung oder Trägheit an maladaptiven Grundüberzeugungen festhält, erlebt die Dummheit zwingend eine Hochkonjunktur.

Wenn die Dummheit ihr Haupt über alle erhebt, wird kritische Analyse erstickt, diffamiert oder als Lüge abgetan. Was wiederum das Tor ins weite Land der Verschwörungstheorien weit öffnet: Wer lügt hier? Und warum wohl? Im Bezug auf die Klimakrise wird Karin Kastner deshalb angst und bange: „Die globale Dummheit nimmt anscheinend noch schneller zu als die globale Erwärmung.“ Die gravierendsten Folgen der Dummheit zeigen sich also in komplexen Problemlagen, die nur durch gemeinsame Anstrengung bewältigt werden können und das gesamtgesellschaftliche Gefüge betreffen. Quelle: „Dummheit“ von Karin Kastner

Von Hans Klumbies

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