Es zählt nur noch die Einzigartigkeit

Nach der Vorstellung des Soziologen Andreas Reckwitz leben die Deutschen in einer Art Kulturkapitalismus. Dieser besteht aus lauter Singularitäten, Unverwechselbarkeiten, Einzigartigkeiten, Sensationen, Rekorden und Bestleistungen. Ingo Hamm ergänzt: „Unverwechselbar, ein Unikat, eine Sensation. Darunter machen wir es nicht. In diesem totalitären System der Einzigartigkeit gilt nur das Besondere, nicht die Durchschnittsexistenz, auch und gerade in der Arbeitswelt.“ Eine Durchschnittsbiografie oder eine mittelmäßige Karriere reicht nicht mehr. Es muss schon etwas Besonderes sein. Und da die meisten Menschen nur zu gut wissen, dass sie selbst nichts Besonderes sind, leihen sie sich nach guter Praxis des Komplementärnarzissmus etwas vom Glanz wahrhaft großer Größen. Zum Beispiel vom Glanz des Nobel Purpurs des Unternehmens, in dem man arbeitet. Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.

Der Reichtum wird immer ungleichmäßiger verteilt

Wenn man zwar selber kein Nobelpreisträger ist, so dient man doch einem nobelpreisverdächtigen höheren Zweck und ist dann doch etwas ganz Besonderes. Das klingt nach Neurose. Nein, das ist Lifestyle. Ein neuer Lifestyle mit klingendem Namen: „Premium Mediocre – Die Aufwertung der Mittelmäßigkeit.“ Den Begriff hat der Vordenker und Blogger Venkatesh Rao geprägt. Was ist Premium-Mittelmäßigkeit? Eigentlich etwas Gutes: Man leistet sich zur Feier eines besonderen Anlasses den allerbesten Rotwein – von Aldi.

Weil der spärliche Lohn nicht mehr hergibt. Man macht das aber nicht in stolzer Bescheidenheit, sondern gibt damit vor seinen Freunden an und fühlt sich damit als wer weiß was. Warum machen Menschen das? Ingo Hamm antwortet: „Weil unsere Gesellschaft zwar als wohlhabend gilt, dieser gesellschaftliche Reichtum jedoch immer ungleicher verteilt wird.“ Selbst während Corona wurden die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer. So haben die reichsten zehn Menschen der Erde in der Pandemie ihr Vermögen um 500 Milliarden US-Dollar steigern können.

Viele Menschen empfinden ihre Mittelmäßigkeit als belastend

Die Gesellschaft verbaut weiten Teilen ihrer Bürger jegliche Aufstiegschancen, und es sei der Logik von Premium Mediocre nach einmal irrelevant, ob das willentlich oder zufällig systembedingt geschieht. Also bleibt vielen nichts anderes übrig als die Aufwertung ihrer als belastentend empfundenen Mittelmäßigkeit. Premium Mediocre erfüllt damit, so Venkatesh Rao, was politisch nicht tatkräftig gewollt ist und ökonomisch nicht geleistet werden kann. Viele bezahlen gerne einen Preisaufschlag auf angeblich höherwertige Produkte.

Damit wollen sie einmal in der Woche eine Dosis Premium abbekommen, einmal zu den Eliten zu gehören. Das erfüllt seinen Zweck. Ingo Hamm weiß: „Denn damit wird die Mittelschicht mit diesen Alibi-Bruchstücken von Aufstiegsversprechungen ruhiggestellt.“ Es gibt ein ganzes Marktsegment mit solchen Ich-tu-mal-so-als-ob-Produkten: Fast Lane Boarding am Flughafen, Premium Economy im Flieger, die A-Klasse von Mercedes – um nur drei zu nennen. Die anbietenden Unternehmen nutzen dabei aktiv die Verführbarkeit der Zielgruppe mit dem Versprechen von Premium Mediocre. Quelle: „Sinnlos glücklich“ von Ingo Hamm

Von Hans Klumbies

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