Intelligenz lässt sich nur schwer definieren

Obwohl noch immer keine einheitlich anerkannte wortwörtliche Definition von Intelligenz existiert, herrscht in der Wissenschaft ein erstaunlich hohes Einverständnis darüber, welche Eigenschaften auf das Konzept Intelligenz zutreffen und welche nicht. Jakob Pietschnig weiß: „Hauptsächlich liegt das an den vielen bemerkenswert robust reproduzierbaren Ergebnissen, welche die Grundlage der Intelligenzforschung bilden.“ Intelligente Menschen sind jedoch nicht automatisch immer gesünder als weniger intelligente. Dennoch scheint Intelligenz im Allgemeinen mit vielen wünschenswerten Lebensereignissen in Beziehung zu stehen. Sie erscheint, kurz gesagt, durchaus nützlich. Einer der wichtigsten und stabilsten Befunde bezieht sich auf die sogenannte „positive Kupplung“ der Intelligenz. Sie besagt, dass Leistungen in Intelligenztests positiv miteinander verknüpft sind, und zwar unabhängig davon, welches spezifische Merkmal betrachtet wird. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

Intelligente Menschen schneiden meist überall gut ab

Jakob Pietschnig erklärt: „Wenn also jemand in bestimmten Bereichen gut abschneidet, ist er im Allgemeinen auch in den allermeisten anderen gut. Gute Rechner sind in der Regel auch gute Rechtschreiber, gute Schlussfolgerer haben in der Regel auch hohes Wissen.“ Deshalb kommt man nur relativ selten mit Personen in Berührung, die in einem ganz bestimmten Teilbereich der Intelligenz äußerst gut abschneiden, in einem anderen aber außerordentlich schlecht.

Ausnahmen bilden Personen mit sogenannten „Teilleistungsschwächen“. Die am häufigsten vorkommende ist die Lese- und Rechtschreibschwäche, die landläufig auch als Legasthenie bekannt ist und ungefähr fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen betrifft. Diese Personen zeigen oft durch- oder sogar überdurchschnittliche Leistungen in anderen Bereichen, haben jedoch Probleme beim Lesen, Schreiben oder bei beidem. Eine Leseschwäche ist durch stark verminderte Lesegeschwindigkeit gekennzeichnet, während sich eine Rechtschreibschwäche, wie der Name schon sagt, in der Unfähigkeit, orthografisch richtig zu schreiben, äußert, und zwar trotz intensiven Unterrichts.

Inselbegabungen sind ein sehr seltenes Phänomen

Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Um von einer Teilleistungsschwäche sprechen zu können, dürfen andere Fähigkeiten, wie zum Beispiel das schlussfolgernde Denken, die Raumvorstellungsfähigkeit oder numerische Fähigkeiten, nicht beeinträchtigt sein.“ Umgekehrt, wenngleich auch wesentlich seltener, gibt es auch das Phänomen der „Teilleistungsstärke“, die man oft auch als „Inselbegabung“ bezeichnet. Eine Inselbegabung ist eine außergewöhnliche Fähigkeit, die in einem starken Kontrast zu der sonstigen Leistungsfähigkeit einer Person steht.

Teilleistungsstärken sind ein faszinierendes, jedoch auch ein sehr seltenes Phänomen. Viel öfter aber findet man konsistent bessere oder schlechtere Leistungen in den verschiedenen Intelligenzbereichen. Jakob Pietschnig stellt fest: „Das Phänomen der positiven Kupplung der Intelligenz lässt, ganz allgemein formuliert, den Schluss zu, dass es etwas geben muss, das allen intelligenten Verhaltensweisen gemeinsam ist.“ Der wahrscheinlich Erste, der so dachte, war Charles Spearman (1863 – 1945) zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Quelle: „Intelligenz“ von Jakob Pietschnig

Von Hans Klumbies

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