Die Deutschen sind von einer kollektiven Verunsicherung ergriffen

Menschen mit einer anhaltenden Angst, die nicht auf bestimmte Auslöser in der unmittelbaren Umgebung beschränkt und durch deine große Anzahl von Sorgen und Vorahnungen bestimmt ist, leiden an einer generalisierten Angststörung. Georg Pieper vertritt die Ansicht, dass die Deutschen von einer kollektiven Verunsicherung ergriffen sind, die sich über die vergangenen Jahre aufgebaut und im Jahr 2016 ein alarmierend hohes Niveau erreicht hat. Die Ursachen für dieses Unsicherheitsgefühl sind vielfältig. Georg Pieper erklärt: „Ein wichtiger Aspekt aus psychologischer Sicht ist das Gefühl, nicht mehr Herr über das eigene Schicksal zu sein und sich immer weniger als selbstwirksam zu erleben.“ Außerdem leben die Menschen heutzutage in einer globalisierten Welt, in der die wirtschaftlichen Zusammenhänge für viele undurchschaubar geworden sind. Dr. Georg Pieper arbeitet als Traumapsychologe und ist Experte für Krisenintervention.

Die Deutschen blicken mit einem mulmigen Gefühl in die Zukunft

Es herrscht bei vielen Deutschen das beunruhigende Gefühl, weniger denn je selbst bestimmen zu können, was mit einem und um einen herum passiert, sondern passives Opfer von Entscheidungen zu sein, die „die da oben“ on Berlin oder Brüssel treffen. Georg Pieper erläutert: „Diese Mischung aus Überforderung und Selbstbestimmung ist durch die Globalisierung unserer Welt zu einer explosiven Gemengelage geworden, sie verunsichert die Menschen zutiefst und füttert unsere Angst.“ Auch die vielen Berichte über drohende Altersarmt und wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft lasten den Menschen auf der Seele.

Sie lassen die Deutschen mit einem mulmigen Gefühl in die Zukunft blicken, obwohl es ihnen wirtschaftlich so gut geht wie nie zuvor. Trotz der komfortablen eigenen Lage sie der Zukunftsoptimismus der sogenannten „Generation Mitte“ jedoch steil zurückgegangen, berichtet die Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts Renate Köcher. Nicht nur materielle Zukunftssorgen, auch die Beunruhigung durch die angespannte Weltlage sind bei den 30- bis 59-Jährigen wie in allen Altersschichten stark gewachsen.

Der Frieden und die Demokratie scheinen plötzlich in Gefahr

Georg Pieper stellt fest: „Die Welt, in der wir leben, scheint keine sichere mehr zu sein. Die internationalen Krisen nehmen kein Ende, und ihre Auswirkungen werden auch bei uns immer deutlicher spürbar.“ So steckt zum Beispiel die Europäische Union (EU) in einer Dauerkrise. Auch der Brexit hat viele Menschen schockiert und verunsichert, zumal sich auch in Nachbarstaaten wie Frankreich, Österreich und den Niederlanden die erstarkenden rechtspopulistischen Parteien für einen Austritt aus der EU stark machen.

Auch in Deutschland gewinnen Rechtspopulisten an politischem Gewicht. Georg Pieper ergänzt: „Das, was wir in den letzten Jahrzehnten als selbstverständlich und unantastbar betrachtet haben – Frieden, Freiheit, Demokratie –, scheint plötzlich in Gefahr. Mitten in Europa, in Ungarn und Polen, stehen demokratische Prinzipien, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit zur Disposition.“ In der Türkei und in Russland bestehen berechtigte Zweifel, ob man dort überhaupt noch von Demokratie sprechen kann. Quelle: „Die neuen Ängste“ von Georg Pieper

Von Hans Klumbies

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