Stress verletzt die Grundbedürfnisse eines Menschen

Dr. Jürgen Gosda, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychiatrie und Chefarzt der Psychosomatischen Fachklinik in Simbach am Inn (Landkreis Rottal-Inn), erklärt: „Burn-out ist eine neue Diagnose, die es eigentlich in der medizinischen Nomenklatur gar nicht gibt. Aber sie hört sich besser an als Depression.“ Wenn einem Menschen alles zu viel wird, er keine Zeit mehr zur Entspannung und Erholung findet und am liebsten im Bett liegen bleiben würde, dann hätte man in früheren Zeiten von einer Depression gesprochen. Von Burn-out sind häufig Menschen betroffen, die Altruisten oder Perfektionisten sind, die jedem alles recht machen möchten und zuallerletzt an sich und ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche denken. Jürgen Gosda stellt fest: „Hier setzt eine Spirale ein, die zu Burn-out führen kann. Denn wenn Stress überhandnimmt, können sich Betroffene nicht mehr abgrenzen.“

Ein Gefühl von Kontrolle ist gut für die Psyche

Jürgen Gosda fährt fort: „Dabei ist Stress eine Verletzung menschlicher Grundbedürfnisse. Auch in meiner Klinik in Simbach am Inn hat es eine enorme Entwicklung von Burn-out-Betroffenen gegeben.“ Gab es in seiner Anfangszeit vor zwanzig Jahren zwölf Betten, sind es mittlerweile 170 Betten. Dass die Patienten immer mehr werden, ist für Jürgen Gosda kein Rätsel. So werde durch die Globalisierung und Digitalisierung der Leistungsdruck immer größer, zum anderen bröckeln heute gesellschaftliche Sicherungssysteme.

Zum Beispiel wächst auch die innere Angst der Menschen, ihren Arbeitsplatz und damit ihre gesicherte Existenz zu verlieren. Mit der Wortschöpfung Salutogenese (lat. salus = Gesundheit, Heil, Glück und griech. génesis = Entstehung, Entwicklung) hat der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923 bis 1994) in den 70er Jahren die Frage nach den Entstehung von Gesundheit und psychischer Widerstandskraft gestellt und festgestellt: Je mehr sich Menschen engagieren und das Gefühl von Kontrolle in ihrem Leben haben, desto besser geht es ihnen psychisch.

Jeder sollte einen Sinn in seinem Leben finden

Jürgen Gosda, der auf Antonovskys Studien auch bei der Behandlung seiner Patienten setzt, erläutert: „Wenn man etwas beeinflussen kann und nicht allem nur passiv ausgesetzt ist, dann geht es den Menschen besser. Auch wenn sie sich klarmachen, ob sie etwas als Bedrohung sehen oder als Herausforderung.“ Wichtig ist auch die Selbstaufmerksamkeit: Menschen, die genau spüren, wie es ihnen innerlich ergeht, und die eine gute Selbstwahrnehmung haben, tappen nicht so schnell in die Burn-out-Falle.

Ebenso bedeutsam wie die körperliche Fitness und die soziale Eingebundenheit ist als letzter Punkt in Antonovskys Studien die Sinndimension. Jürgen Gosda weiß aus langjähriger Erfahrung: „Das ist auch bei unseren Therapien eine zentrale Frage. Kann ich dem Leben einen Sinn abgewinnen? Damit müssen sich die Betroffenen auseinandersetzen. Grundsätzlich rät der Experte Burn-out-Gefährdeten, sich zunächst ihrem Hausarzt anzuvertrauen, denn viele von ihnen hätten heute gute psychosomatische Kenntnisse. Für sinnvoll erachtet der Psychosomatiker heute eine ambulante Kurzzeittherapie von zehn bis 25 Stunden: „Ergeben sich hierbei tiefgreifende Probleme, ist eine stationäre Behandlung anzuraten.“ Quelle: Passauer Neue Presse

Von Hans Klumbies

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