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Die Kleinfamilie hat fast nie funktioniert

Jeder Anthropologe würde auf Nachfrage ausführen, dass unter dem Begriff „Familie“ erst neuerdings und nur in einem Teil der Welt ein bestimmtes Gebilde verstanden wird. Anne Waak erklärt: „Es basiert auf einer flüchtigen Emotion namens romantische Liebe, bedarf der Eheringe sowie der eigenen Kinder, und zieht sich in die eigenen vier Wände zurück. Dort garantieren seine Mitglieder dann wechselseitig für ihr gesamtes und ewig währendes Lebensglück.“ Entgegen allen anderslautenden Hinweisen sorgen die Arbeitswelt, die Kultur, die Werbung, die Architektur, das Steuer- und das Erbrecht mit vereinten Kräften dafür, dass das Familienbild mitteleuropäischer Prägung so bleibt, wie es erst im Zuge der Industrialisierung erfunden wurde. Dabei hat die gegengeschlechtliche Kleinfamilie, wenn man ehrlich ist, kaum jemals in ihrer 200-jährigen Geschichte funktioniert. Also allen Mitgliedern dauerhaft zu Zufriedenheit verholfen, weil sie es gar nicht kann.

Meist sorgt der Vater fürs Bruttosozialprodukt

Anne Waak weiß: „Sie muss unter dem Druck der an sie gestellten Erwartungen, Ansprüche und auf sie geladenen Lasten unweigerlich kollabieren. Denn sie verlangt zu viel von zu wenigen.“ Sobald ein Kind die Szenerie betritt, macht es einen Elternteil – meistens ist es die Mutter – zur rund um die Uhr arbeitenden, lediglich mit zukünftiger Altersarmut bezahlten Babypflege- und Haushaltskraft. Oft übernimmt sie einen zusätzliche Halb- bis Ganztagsjob in der Wirtschaft, zu deren Erhaltung sie ja parallel frisches Humankapital heranzieht.

Der andere Elternteil – meist handelt es sich um den Vater, wenn er denn Teil des Arrangements ist – sorgt ohnehin fürs Bruttosozialprodukt. Gezwungen wird er dazu vom Baby, dessen Hunger und unstillbarem Bedürfnis nach einem größeren Auto, einer größeren Wohnung, einem Garten und einmal im Jahr einen erholsamen Familienurlaub. Anne Waak erläutert: „Das Baby wurde nicht um sein Einverständnis hierzu gebeten. Die Eltern aber auch nicht so richtig. Das alles gehört nun mal zum Familie-Sein dazu, hat man ihnen gesagt.“

Die Kleinfamilie kann sich in eine Terrorzelle verwandeln

Wenn die fragile Liebe dann leidet, wenn die Gefühlsträger unter Druck geraten, wenn die Jobs der Eltern abgebaut werden, wenn die Miete ins Unermessliche steigt, wenn ein Familienmitglied krank wird und niemand oder nichts da ist, um das aufzufangen, dann kann die kleinste Zelle der Gesellschaft in kürzester Zeit zur kleinsten Terrorzelle der Welt werden. Nicht immer, aber auch nicht selten. Laut Bundeskriminalamt gab es im Jahr 2021 in Deutschland mehr als 15.500 registrierte Fälle von sexuellem Missbrauch, 6,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Womit noch nichts gesagt wäre über sogenannte häusliche Gewalt gegen Erwachsene, infolge derer jeden dritten Tag eine Frau durch die Hand eines Mannes stirbt, der vorgibt, sie zu lieben. Anne Waak fügt hinzu: „Davon sind Kinder dann mitbetroffen, denn eine tote Mutter ist keine gute Mutter mehr. Wie gesagt: Das passiert nicht immer, aber keinesfalls selten, dafür aber quer durch alle gesellschaftlichen Schichten.“ Dennoch sind es die Glücksverheißungen, denen viele Menschen mehr oder weniger verfallen sind, und die immer gerade nicht eintreten. Quelle: „Unglück für alle“ von Anne Waak in „DIE WELT“ vom 22. Februar 2023

Von Hans Klumbies

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