Zwangsneurotiker finden in der Welt keine Heimat mehr

Zwangsneurotiker leiden unter Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, die nicht unter der Kontrolle ihres Willens stehen. So müssen sie sich beispielsweise ständig die Hände waschen oder ordnen bestimmte Gegenstände sinnlos in einer bestimmten Reihenfolge oder Formation an. Die Psychoanalyse lokalisiert die Zwangsneurose in der Lebensgeschichte der Patienten in der analsadistischen Phase der Reinlichkeitserziehung. Zwangskranke sind zwar sehr hilflose Menschen, aber dennoch von einem schier grenzenlosen Streben nach Autonomie besessen. Dadurch ergibt sich bei solchen Menschen eine tiefsitzende Unsicherheit in allen Gefühlsbeziehungen. Liebe und Hass gehen bei ihnen Hand in Hand und die seelische Unsicherheit kann die Patienten in den Wahnsinn treiben.

Die Symptome des Zwangsneurotikers

Erwin W. Strauß stellte keine Mutmaßungen über die Entstehung der Zwangsneurose auf, sondern beschrieb und deutete deren Erscheinungsweise. Vor allem fiel ihm beim Zwangstyp die wachsende Einengung des Lebensraumes und der Beziehungsmöglichkeiten auf. Die Patienten finden in der Welt keine Heimat mehr. Hinter jeder Ecke lauert die Gefahr. Sicherheit können solche Menschen nur erzeugen, wenn sie sich an ihre Rituale halten. Echte Handlungen werden immer seltener, es gibt nur noch Geschäftigkeit ohne Sinn und Ziel, eine Verschwendung der Zeit, ohne dass etwas vollbracht wird.

Bei den Zwangsneurotikern geht auch die geschichtliche Dimension ihres Lebens verloren. Durch Handlungen fügen die Menschen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft in der Regel zu einer Einheit zusammen. Zwangsneurotiker haben laut Erwin W. Straus hr die Kraft und die Fähigkeit dazu, ihre Existenz verwandelt sich in eine punktuelle und löst sich in lauter unverbundene Punkte der Zeit auf. Sie stellen den Sinn und den Inhalt ihres Lebens in Frage. Der Zwangskranke leidet vor allem unter dem Gefühl einer entsetzlichen Sinnlosigkeit.

Zwangshandlungen sollen den Ekel und das Grauen verhindern

Erwin W. Straus befasst sich vor allem mit den Ekelgefühlen in der Zwangsneurose, da der Zwangskranke häufig auch an Grauen, Abscheu, Ekel und Schauder leidet. Menschen können sich vor den unterschiedlichsten Dingen ekeln – Schmutz, Sex, Essen, Gesinnungen, Haltungen. Allerdings gilt auch umgekehrt, was den einen ekelt, kann für den anderen ein Objekt der Begierde sein. Körperliche und seelische Beschmutzung scheinen bei den Patienten zu jener tiefsitzenden Abwehr Anlass zu geben, die im Ekel zum Ausdruck kommt. Erwin W. Straus schreibt: „Der Ekel ist die Abwehr der Einung mit dem Verwesenden.“

Laut Erwin W. Straus kämpft der Zwangsneurotiker um sein Leben, wenn er sklavisch genau seine Zwangshandlungen vollzieht, deren Unterlassung ihn dem Grauen überantworten würde. Mit magischen Verhaltensweisen versucht er sich ein Gefühl der Sicherheit herbeizuzaubern. Humor, Gelassenheit und Heiterkeit sucht man bei einem solchen Menschen vergeblich, weil in seinem Inneren alles von Angst überflutet ist. Es ist ein verzweifelter Aufstand gegen die Endlichkeit des Menschen, der jedem Zwang zugrunde liegt.

Kurzbiographie: Erwin W. Straus

Erwin W. Straus wurde am 11. Oktober 1891 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Medizin und schrieb seine Dissertation über eine Suchtkrankheit. Bereits 1931 wurde er in Berlin wegen seiner Grundlagenforschungen im Bereich der Psychiatrie zum Psychiatrieprofessor ernannt. 1935 erschien sein berühmtes Buch „Vom Sinn der Sinne“ mit dem Untertitel „Beitrag zur Grundlegung der Psychologie“.

Von Hans Klumbies

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