Selbsterkenntnis führt in unerwartete Weiten und Tiefen

Der weltberühmte Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie C. G. Jung hat einmal gesagt: „Selbsterkenntnis ist ein Abenteuer, das in unerwartete Weiten und Tiefen führt.“ Vielleicht ist das der Grund dafür, dass noch immer viele Menschen großen Respekt mit der Begegnung mit sich selbst haben. Auch Uwe Böschemeyer hat lange gebraucht, um zu begreifen, dass die Selbsterkenntnis nicht nur die aufregendste, sondern auch eine der wichtigsten Auseinandersetzungen mit der eigen Person ist. Wer sein Inneres erforscht, wird herausfinden, wie er sich selbst versteht und fühlt, welche Ziele er sich aussucht und welchen Sinn er findet. Im Jahr 1975 erwarb Uwe Böschemeyer bei Prof. Viktor Frankl sein Zertifikat in Logotherapie und Existenzanalyse. 1982 gründete er das Institut für Logotherapie in Hamburg. Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Wertimagination und die Wertorientierte Persönlichkeitsbildung.

Die wichtigste Frage lautet: „Wer bin ich eigentlich?“

Uwe Böschemeyer erklärt: „Denn nur dann, wenn mir mehr als bisher in der Seele Lichter aufgegangen sind und also weniger Seelenland im Dunklen liegt, kann ich ein mir selbst entsprechendes Leben führen.“ Viktor Frankl hat dies wie folgt formuliert: „Sinn wird nicht gemacht, sondern gefunden, angesichts der Forderung der Stunde, die an mich ergeht.“ Wie aber soll ein Mensch diese Forderung verstehen, wen er sich selbst nicht hinreichend kennt?

Die wichtigste Frage, die es also zu beantworten gilt, lautet: „Wer bin ich eigentlich?“ Wer sich diese Frage stellt, geht davon aus, dass es manches gibt, was ihn davon abhält, er selbst zu sein. Das an ihm und in ihm viel Fremdes vorhanden ist. Dass er vieles fühlt und denkt, lebt und tut, war nicht zu ihm passt, ihm nicht entspricht, ihn fremd bestimmt. Uwe Böschemeyer ergänzt: „Dass er in Vielem nicht er selbst, nicht mit sich identisch ist. Dass er in Vielem nicht seinem Wesen, seiner Originalität entspricht, dem also, war er mehr als bisher sein könnte.“ Manchmal geht Uwe Böschemeyer der Satz von Sigmund Freud nicht aus dem Sinn, der sagte: „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.“

Alles Schreckliche ist im Grunde das Hilflose

Es ist wichtig, die hellen und dunklen Seiten in sich nicht nur zu registrieren, sondern sie auch wahrzunehmen, zu erfühlen und Stellung zu ihnen zu beziehen. Dadurch nimmt der Mensch eine Beziehung zu sich selbst auf und kommt sich selbst näher. Ebenso wichtig ist es, die eigenen Schwächen anzusehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, vor den eigenen finsteren Seiten nicht die Augen zu verschließen. Uwe Böschemeyer erläutert: „Die Kenntnis und Anerkenntnis meiner Schwächen, Probleme, Schwierigkeiten, Abgründe ist die Bedingung der Möglichkeit, Zugang zu meinen Stärken, Vorzügen, Liebenswürdigkeiten, meiner inneren Größe zu finden.“

Denn solange seine Untiefen einen Menschen in Beschlag nehmen, behindern sie seinen Blick auf das, was er auch ist, was auch an ihm wertvoll ist, was ihm Grund gibt, sich zu akzeptieren, sich selbst ein Freund zu sein. Dazu passt möglicherweise ein Ausspruch von Rainer Maria Rilke: „Vielleicht sind alle Drachen meines Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“ Man darf sich auch akzeptieren, wenn man trotz aller Bemühungen mit seinem Drachen nicht „fertig“ wird.

Von Hans Klumbies

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