Victor-Emil von Gebsattel stellt eine Theorie der Depression auf

Das Zustandsbild der Depression reicht von der normalen Trauer bis zur pathologischen Melancholie. Johannes Heinrich Schultz beschreibt das Wesen der Depression in seinem Werk „Grundfragen der Neurosenlehre“ als eine aversive Fluchthaltung oder Abwehrhaltung bezüglich des gesamten Lebens eines Menschen. Das Element der Lebensvereinung ist in der Depression wirklich überall erkennbar: bei einem depressiven Patienten ist sogar ein Selbstmord jederzeit möglich. Victor-Emil von Gebsattel konstatiert beim Depressiven folgende Symptome: vitale Hemmung, vitale Traurigkeit und Kleinheitswahn. Wie in allen Neurosen stellt er bei der Depression eine fundamentale Werdenshemmung und Handlungsunfähigkeit fest. Die Zeitdimensionen der Gegenwart und der Zukunft existieren für den Depressiven kaum, er scheint vor allem in seiner Vergangenheit zu leben.

Bei depressiven Menschen zerfällt das Ich in lauter Einzelteile

Die klassische psychopathologische Literatur spricht bei einer Depression von Depersonalisation und Derealisation: der Depressive meint, dass sein Ich in lauter Einzelteile zerfällt und ihm die Attraktivität und Konsistenz der Realität verloren geht. Beide Befunde bilden oft eine Einheit. Denn es gilt: je gesünder und ganzheitlicher das Ich eines Menschen ist, desto reichhaltiger und kompakter empfindet es die Welt. Die Depressiven dagegen beklagen oftmals die endlose Leere im eigenen Inneren und die Trostlosigkeit der Außenwelt.

Es sind ihre Erlebnisunfähigkeit und ihr Mangel an gelebter Zeit die ihr Leergefühl hervorrufen. Wenn es dem Patienten gelingt, mit der Gegenwart anregende und erfreuliche Erlebnisse zu verbinden und auch wieder Hoffnung in seine Zukunft zu setzen, setzt sich auch für ihn das normale Zeitgeschehen wieder in Gang. Wer eine Gegenwart und eine Zukunft hat, braucht nicht in der Vergangenheit im morbiden Sinn in seinen Verfehlungen und Sünden herumzustochern.

Das fundamentale Ohnmachtsgefühl der Depressiven

Zentral an der Depression ist laut Emil-Victor von Gebsattel auch die Angst beteiligt –  die Angst vor Verarmung, ein Horror vor dem Ekel, vor allem aber die umfassende Lebensangst. Depressive Menschen sind von einem fundamentalen Ohnmachtsgefühl erfüllt. Deshalb sind sie ganz auf sich selbst zurückgeworfen und erfahren ihre Realität als Widerstand, als bedrohliche Macht, als Heimsuchung und Qual. Die Wirklichkeit erscheint ihm als Alptraum, da er ihr sich verweigert und zu entziehen sucht.

Von Hans Klumbies

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