Die Selbstauskunft boomt im 21. Jahrhundert

Valentin Groebner schreibt: „Zeige dich. Gib Auskunft über das, was du schön findest. Erzähl deine Geschichte, deine Herkunft, deine Wünsche.“ Reden über sich selbst als öffentliche Intimität ist im 21. Jahrhundert nicht nur Merkmal von Teilhabe und Offenheit, sondern gilt als unverzichtbar für privaten und beruflichen Erfolg. Geht das? Um welchen Preis? Was geschieht, wenn man erzählt, woher man kommt? In wen verwandelt man sich, wenn man von sich als Mitglied einer Gemeinschaft berichtet? Oder mehrerer – denn Heimat ist ja offensichtlich nicht nur ein Ort, sondern auch ein kollektiver Zustand. Valentin Groebner lehrt als Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Seit 2017 ist er Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Die Selbstauskunft soll das Individuum verbessern

Seit der Einführung der Beichte vor ach und der Erfindung des autobiographischen Versuchs vor viereinhalb Jahrhunderten soll Selbstauskunft die Person, die da über sich Auskunft gibt, verbessern. Valentin Groebner weiß: „Selbstauskunft ist deswegen anstrengend. Und Selbstauskunft ist Arbeit an der Verwandlung – also potenziell endlos, weil sie immer etwas wiedergutmachen soll an der eigenen Geschichte und ihren Lücken.“ Mindestens so sehr wie von der Vergangenheit handelt sie deshalb von der Zukunft, von den eigenen Wünschen.

Und die Selbstauskunft dreht sich nicht nur um einen selbst, sondern fast noch mehr um jene Personen, Institutionen und Kanäle, von denen man abhängig ist und für die man sich deshalb präsentiert. Sie ist ein Spiegelkabinett. Hat es einen Ausgang? Der eigene Alltag ist eine eher unübersichtliche Zone. In ihm warten Überraschungen und Ungeheuer; er ist Nahgeschichte, ganz persönlich. Als bemerkenswert, berichtenswürdig und authentisch gilt dabei gerade das Individuelle, Persönliche, emotional Gefärbte, zumal im Zusammenhang mit kollektiven Vergangenheiten.

Erfolgreiche Ideen machen sich selbständig

Diese werden als Reservoir für das eigene Selbstbild und die eigene Identität aufgefasst. Valentin Groebner stellt fest: „Die Vergangenheit ist im 21. Jahrhundert zum Ich-Material in einem ganz wörtlichen Sinn geworden, zum Rohstoff für smarte Unterhaltungsangebote von historischen Erlebnispsacours bis zum Wellness-Hotel, von den Werbeagenturen ganz zu schweigen.“ Aber Ideen sind gerade dann erfolgreich, wenn sie sich selbständig machen und verwandeln, bis sie kaum mehr wiederzuerkennen sind.

Und der Alltag ist der Ort, wo die Ideen konkret werden und sich in Dinge und Handlungen verwandeln – oder eben nicht. Der eigene Alltag ist das, was man am genauesten kennt, und gleichzeitig das, was der persönlichen Kontrolle weitgehend entzogen ist. Valentin Groebner fragt: „Kann ich bestimmen, welche Plakate ich täglich sehr, in welchem Status ich stehe, welche behördlichen Bestimmungen meine Einkäufe, Reise, Konsumgewohnheiten regeln?“ Auf jeden Fall nicht in den ereignisreichen Jahren 2020 und 2021. Quelle: „Bin ich das?“ von Valentin Groebner

Von Hans Klumbies

Post Comment