Tugenden behält man auf Dauer

Manche Kinder neigen mehr zu Großzügigkeit, Bescheidenheit oder Gerechtigkeit als andere. Frédéric Lenoir weiß: „Allerdings spielt für die Entwicklung dieser Eigenschaften die Erziehung eine wesentlich Rolle. Sie kann auch gewisse natürliche Neigungen korrigieren, die zu Süchten oder Lastern führen könnten.“ Seiner Meinung nach stehen Tugenden folglich an der Schnittstelle von Natur und Kultur. Selbst wenn letztlich die Kultur für ihre Entwicklung bestimmend ist. Aristoteles zufolge erlangt und behält man Tugenden eigentlich auf Dauer. Das bedeutet allerdings nicht, dass man sein Leben lang tugendhaft ist! Über die Erziehung vermittelte Tugend wird erst stark und schlägt in einem Menschen Wurzeln, wenn er sich in ihr übt. Die Tugend ist eine stabile Eigenschaft, etwas, das sich einem Menschen einprägt, wenn er tugendhaft handelt. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.

Die Tugend ist die ideale Mitte zwischen zwei Extremen

Aber das Gegenteil ist auch wahr: Man wird lasterhaft, wenn man schlecht handelt. Aristoteles definiert im Übrigen die Tugend als ideale Mitte zwischen zwei Extremen, die jeweils Schwächen sind. Demnach wäre Mäßigung die vorbildliche Mitte zwischen Ausschweifung und Askese. Die Tapferkeit bildet die ideale Mitte zwischen Feigheit und Kühnheit. Dagegen hat Buddha in der Tat mit extremen Wegen experimentiert. Nach dem Luxus seines Lebens als Fürst ist er ins andere Extrem gefallen: Askese und totaler Verzicht.

Frédéric Lenoir fügt hinzu: „Als er bemerkt hat, dass er so nicht weiterkommt, hat er sich an den Fuß eines Baumes gesetzt, um Tag und Nacht zu meditieren.“ So hat er die Erweckung, die Erleuchtung erlangt. Diese hat ihm insbesondere ermöglicht, intuitiv zu verstehen, wo die wahre Weisheit liegt. Nämlich die richtige Mitte zwischen der Hingabe an Sinnesfreuden und dem Verzicht darauf zu finden. Indem er diese beiden Extreme vermied, entdeckte Buddha den Weg der Mitte.

Durch das Begehren verändert sich ein Mensch

Auf diesem Weg fand er Klarsicht und Erkenntnis, der ihn zum Frieden, zur Weisheit und ins Nirwana führte. Das ist die gleiche Idee, wie sie Aristoteles entwickelt hat. Nämlich ein Gleichgewicht zwischen zwei Extremen, das allerdings auf das gesamte Leben anzuwenden ist. Die Weisheit lehrt, eine ausgewogene Existenz ohne Exzesse zu führen. Sinnesfreuden zu genießen, ohne sich an sie zu klammern. Zu guter Letzt läuft das alles auf die täglichen kleinen Entscheidungen hinaus, die zu Gewohnheiten werden.

Die Epikureer denken, die praktische Klugheit, die Urteilskraft, reiche aus, um den Begierden Herr zu werden und die schlechten Gewohnheiten abzulegen. Die Stoiker dagegen sind überzeugt, alles sei eine Frage des Willens: „Wenn Du willst, kannst Du auch!“. Die Erfahrung lehrt, dass beide Fähigkeiten notwendig sind, aber oft nicht genügen. Baruch de Spinoza ist zweifellos der erste Weise, der bestätigt, dass das menschliche Wesen noch eine andere Macht als Verstand und Willenskraft benötigt, um sich zu ändern: das Begehren. Quelle: „Weisheit“ von Frédéric Lenoir

Von Hans Klumbies

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