Es gibt verschiedene Modelle, anhand derer man versucht, Hochbegabung zu beschreiben. Die Modelle unterscheiden sich hauptsächlich hinsichtlich der Rolle, welche die Umwelt bei der Entwicklung der Hochbegabung spielt. Jakob Pietschnig weiß: „Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es jedoch drei zentrale Elemente, die in den meisten Modellen mehr oder weniger prominent vorkommen: die überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit, die Leistungsmotivation und die Kreativität.“ Am anschaulichsten zusammengefasst sind sie im sogenannten „Drei-Komponenten-Modell“. Die Idee dahinter ist, dass überdurchschnittliche Fähigkeiten für sich selbst keine hinreichende Bedingung für Hochbegabung darstellen. Sondern dass Letztere erst durch die Überlappung mit anderen Persönlichkeitsvariablen entsteht. So ist es etwa nicht vorstellbar, dass jemand eine außergewöhnliche Leistung erbringt, wenn er keine Motivation dazu verspürt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Hochbegabung
Hochbegabung sieht man nicht
Es existiert ein Vorurteil, das anscheinend von jeher auf theoretische Denker gemünzt war. Jakob Pietschnig weiß: „Kaum einer, dem man nicht eine gewisse Realitätsferne oder mangelnde Alltagstauglichkeit vorwirft.“ Hochbegabung ist etwas, das man nicht sieht, das man aus ihren vermeintlichen Defiziten heraus definieren kann. Ein Mangel an Sinn für das Praktische lässt nicht automatisch den Umkehrschluss zu, nämlich dass es sich bei demjenigen um ein Genie handeln müsse. Die geistige, aber auch körperliche Gesundheit von Hochbegabten war etwa Gegenstand einer Langzeitstudie, die der US-amerikanische Psychologe Lewis M. Terman im Jahr 1928 initiiert hatte. Sie trägt den Namen „Genetic Studies of Genius“. Es handelt sich dabei um eine der ältesten und auch längsten Längsschnittstudien in der Geschichte der psychologischen Forschung überhaupt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Lehrer erkennen selten Hochbegabte
Begabte Kinder sind ein bisschen anders. Das österreichische Schulsystem hat sich schon immer schwer getan, Hochbegabte zu erkennen. Wie schwer tut es sich erst, die Talente von normal begabten Kindern zu entdecken. Andreas Salcher kritisiert: „Eines der größten Defizite unserer Lehrerausbildung ist die Tatsache, dass zukünftige Lehrer über das Erkennen von Begabungen wenig bis gar nichts lernen.“ Wissenschaftler haben den Zusammenhang zwischen richtiger Förderung von Hochbegabung und dem daraus resultierenden Lebenserfolg untersucht. Die Ergebnisse machen deutlich, dass ein hohes Begabungspotential allein nicht ausreicht, sondern dass sehr wohl eine kompetent fördernde Umwelt notwendig ist. Die menschlich weit noch tragischere Variante der mangelnden Entdeckung von Hochbegabten liegt in den „hochbegabten Schulversagern“. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.