Aggression und Gewalt sind in der Gesellschaft allgegenwärtig

Als Psychoanalytikerin weiß Rotraud A. Perner, dass Drohungen partiell vorweggenommene Aggressionen sind. In Sprache verpackt hört sich die, zwar noch zivilisiert an, aber der darin versteckte nonverbale Inhalt soll neuronale Reaktionen auslösen, deren Potential in der frühen Kindheit vermittelt wurde. Auch ohne Worte, manchmal sogar entgegen dem, was gesagt wurde, erkennen manche Menschen oft nur zu gut, was andere beabsichtigen oder sich wünschen. Diese Menschen erkennen dies aber in erster Linie emotional und nur selten auch kognitiv. Auch Gewalt ist laut Rotraud A. Perner ist eine Form der Zuwendung, an die sich manche Menschen gewöhnen können. Es ist sehr schwierig, sich aus einer solchen negativen Vertrautheit zu lösen. Rotraud A. Perner ist Juristin, Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin und absolvierte postgraduale Studien in Soziologie und evangelischer Theologie. Eines ihrer zahlreichen Bücher heißt  „Die reuelose Gesellschaft“ und ist im Residenz Verlag erschienen.

Schmerz macht Menschen gefügig

Die stärksten und wichtigsten Auslöser einer Aggression sind die fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Zurückweisung durch andere Menschen. Rotraud A. Perner teilt nicht die Ansicht des Soziologen Jeremy Rifkin, dass die moderne Gesellschaft empathischer wird. Denn dessen Auffassung widerspricht ihren tiefenpsychologischen Erkenntnissen, die sie gewinnt, wenn Menschen ihr ihre geheimsten Wünsche und Ängste offenbaren. Es ist keine Kunst, einen Menschen dazu zu bringen, dass er gewalttätig wird. Man muss nur lange genug sein Selbstwertgefühl angreifen. Denn die alltägliche Gewalt steht in einem auffälligen Zusammenhang mit einer Verweigerung des persönlichen Respekts, einer Verletzung der Ehre oder einer Beschädigung der Reputation.

Rotraud A. Perner hält es zudem für ausgesprochen wichtig, darauf hinzuweisen, dass dort, wo oft von Jähzorn gesprochen wird, eine massive Demütigung vorangegangen ist. Schmerz ist in vielen Mitteln, um Menschen gefügig zu machen. Dieser Gedanke gehört für Rotraud A. Perner zu den Lernerfahrungen der Kindheit, egal ob der Schmerz durch Erwachsene oder Gleichaltrige zugefügt wurde oder man diese Form von Gewalt real oder auf der Leinwand oder dem Bildschirm beobachtet hat. Wird man in ein solches Geschehen hineingezogen und fühlt sich gezwungen Partei zu ergreifen, neigen Menschen aus Selbstschutz dazu, sich hinter der mächtigeren Person zu verbergen, denn das ist in diesem Fall der sichere Ort.

Von Hans Klumbies

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