Zerrüttete Ehen wahren oft den Schein

In vielen zerrütteten Ehen wird lieber nach außen die „heile Welt“ suggeriert, obwohl das Paar nicht mehr glücklich miteinander ist. Andere Menschen leiden im Stillen, weil sie Angst haben, den Partner zu verlassen. Die Psychotherapeutin Franca Cerutti weiß, wie ein Paar sich respektvoll trennt – und ohne Rache verbunden bleiben kann. Die 46-jährige ist zudem selbst zum dritten Mal verheiratet. Der Gedanke an das „Ich will mich scheiden lassen-Gespräch“ sorgt bei vielen Menschen für schlaflose Nächte oder sogar lähmende Angst. Franca Cerutti erklärt: „Im Gegensatz zu kurzfristigen Partnerschaften ist es in einer Ehe mit einem einzigen Gespräch nicht getan.“ Franca Cerutti arbeitet in eigener Praxis am Niederrhein als Psychotherapeutin mit den Schwerpunkten Verhaltenstherapie und Coaching. Sie moderiert zwei Podcasts: „Split – Happens – Der Scheidungs-Guide“ und „Psychologie to go!“

Trennungsgespräche sollte man außerhalb des Hauses führen

Eine Grundvoraussetzung ist daher, dass man den Partner vorher in aller Offenheit bezüglich der eigenen Gedanken und Gefühle mitgenommen hat. Manchmal kommt ein Trennungsgespräch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Das wird zu Recht als unfair empfunden. Grundsätzlich gilt für problematische Gespräche der Tipp, die besser außerhalb des Hauses zu führen. Ein öffentlicher Ort hilft auch vorzubeugen, dass das Trennungsgespräch nicht eskaliert.

Clara Ott fragt: „Unabhängig vom Scheidungsgrund wird das Hauptgesprächsthema schnell die Schuldfrage sein, richtig?“ Franca Cerutti antwortet: „Oh, absolut. Nach meiner Beobachtung in der Praxis dreht sich am Ende der Beziehung viel darum, wer den größten Anteil an ihrem Scheitern trägt.“ Am liebsten sind die Betroffenen das Opfer in einer Scheidung, weil das bedeutet, dass ihm mehr Solidarität von Freunden und der Familie zusteht. Es gibt jedoch gangbare Wege aus der Opferhaltung. Es ist ein Gewinn, wenn ein Paar es schafft, sich darauf zu verständigen, dass es einfach nicht funktioniert hat.

Bei Trennungen ist Fairness das oberste Gebot

Es ist schön, wenn beide sagen können: „Wir sind eben nicht die Menschen, die sich gegenseitig dauerhaft glücklich machen. Und das ist okay!“ Mit dieser Haltung braucht man das Wort Schuld nicht in den Mund zu nehmen. Wann ist der Punkt erreicht, eine Scheidung einzureichen? Franca Cerutti erläutert: „Viele Patientinnen und Patienten schildern mir in der Praxis, dass sie regelrechte Aggressionen spüren, was deutlich über die Gereiztheit hinausgeht. Viele empfinden die Anwesenheit des Partners als Belastung.“

Clara Ott stellt fragt: „Was wären gute Schritte, um sich als Paar respektvoll zu trennen?“ Franca Cerutti antwortet: „Die hohe Kunst besteht darin, negative Gefühle – die in jeder Trennung aufkommen – nicht handlungsleitend werden zu lassen, sondern fair zu bleiben.“ Zunächst ist auch viel Abstand wichtig, um sich zu sortieren und die „Amputation“ des Partners zu verkraften. Die Trennung muss für beide klar und akzeptiert sein, damit nicht einer das Gefühl hat, es gibt eine Versöhnung. Besonders am Ende sollte man den Partner nicht zum Todfeind erklären. Quelle: „Ich will mich scheiden lassen“ von Clara Ott in DIE WELT vom 24. November 2022

Von Hans Klumbies

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