Beziehungen kennen keine Grenzen mehr

Die Gegenwart ist von einer Sexualisierung gekennzeichnet, die Verwirrung stiftet. Eva Illouz erläutert: „Dadurch, dass sie eine Anhäufung sexueller Erlebnisse ermöglicht, ja zu ihr ermutigt, verwischt sie die Grenzen zwischen Beziehungen. Der moderne Weg, Beziehungen aufzubauen, lebte von der Fähigkeit, Grenzen zwischen ihnen zu ziehen, also zu definieren, wie und wo verschiedene Beziehungen beginnen und enden.“ Die Anhäufung von Beziehungen erschwert es nun allerdings enorm, an klaren emotionalen und begrifflichen Kategorien festzuhalten. Etwa um Grenzen zwischen Beziehungen abstecken zu können, wie man es beispielsweise tut, wenn man strikt zwischen Freunden und Liebhabern unterscheidet. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Die Offenheit der Beziehungen wirkt verwirrend

Viele Menschen erkennen nicht, wie sich Gelegenheitssex auf eine Langzeitbeziehung selbst auswirkt. Gelegenheitssex verwirft das zentrale Merkmal der Heteronormativität, jenes Telos der Ehe, Monogamie und Häuslichkeit, dem die Sexualität untergeordnet ist. Heutzutage ist es schwierig, überhaupt eine Handlungsstrategie für eine Beziehung zu entwickeln. Die Offenheit der Beziehungen bringt sowohl die expressive als auch die instrumentelle Dimension des Handelns aus dem Lot und lässt die Akteure verwirrt zurück.

Denn sie wissen nicht mehr, in welchem Handlungsregime sie eigentlich agieren. Eva Illouz stellt fest: „Weil die Sexualität unter diesen Bedingungen seriell und mit offenem Ausgang gelebt wird, verändern sich die sozilogischen Grenzen der Beziehungen. Beziehungen grenzen aneinander und lösen einander ab, wobei sich ihre Rahmen überschneiden und ihre Ziele verschwommen bleiben.“ Einer solchen Subjektivität fällt es schwerer, andere in ihrer Einzigartigkeit zu sehen und sich von ihnen in der eigenen Einzigartigkeit gesehen zu fühlen.

Die Häufung sexueller Kontakte gilt als Selbstverständlichkeit

Allein schon die Fähigkeit, den Rahmen einer Beziehung im Blick zu behalten, scheint durch die Häufung sexueller Kontakte und durch sexuelle Offenheit gefährdet. Diese Beziehungen folgen keinem klaren kulturellen Drehbuch, sie scheinen willkürlich gewesen zu sein. Die sexuelle Exklusivität bleibt für die meisten heterosexuellen Menschen das Zeichen einer verbindlichen Beziehung. Die verfügbaren Technologien erschweren es jedoch erheblich, an einem Drehbuch der sexuellen Exklusivität festzuhalten und die Regeln zu kennen, die darüber Auskunft geben, wann und wie dieses anzuwenden ist.

Viele Menschen empfinden die Häufung sexueller Kontakte als Selbstverständlichkeit, weil sie sie als Vorrecht ihres Privatlebens verstehen und aus den meisten Beziehungen „sowieso nichts wird“. Eva Illouz erläutert: „Gelegenheitssex führt damit zu Ungewissheit nicht nur über den Rahmen und das Ziel der Interaktion, sondern auch über ihre Grenzen.“ Wie und wo endet eine sexuelle emotionale Beziehung, und wo beginnt die nächste? Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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