Angst ist mit Furcht verwandt, aber nicht dasselbe. Die englische Version des DSM-5-TR – deutsch: Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen – definiert Furcht als „emotionale Reaktion auf eine reale oder vermeintliche Gefahr, während Angst die Erwartung zukünftiger Gefahr ist“. Jonathan Haidt ergänzt: „Beide können gesunde Reaktionen auf die Wirklichkeit sein, doch im Übermaß können sie zu Störungen werden.“ Angst und die mit ihr verbundenen Störungen sind offenbar die typischen psychischen Erkrankungen junger Leute von heute. Beim Blick auf die Vielzahl von Diagnosen psychischer Erkrankungen lässt sich erkennen, dass Angststörungen am stärksten zunahmen, unmittelbar gefolgt von Depressionen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Allgemein
Die Konzentration benötigt Emotionen
Um sich selbst zu beherrschen und auf sich selbst einzuwirken, ist die Steuerung der Aufmerksamkeit eine höchst bedeutsame Fähigkeit. Thorsten Havener warnt: „Wenn wir es nämlich nicht von innen machen, dann machen es andere für uns von außen!“ Es ist ein altes spirituelles Gesetz, dass die Energie eines Menschen, und auch die Energie der Mitmenschen, dorthin fließt, wohin man seine Aufmerksamkeit richtet. Je mehr Menschen ihre Energie in eine Richtung lenken, desto stärker kommen in der Richtung der Konzentration Dinge ins Rollen. Sobald man darauf achtet, dass man seinen Fokus über einen längeren Zeitraum auf eine Sache konzentriert, wird man merken, dass sich etwas in diesem Bereich ändert. Der Grundsatz „Suggestion braucht Emotion“ gilt auch für die Konzentration. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Eine Depression steigt von innen herauf
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, wer ist das schon wirklich? Doc es gibt Menschen, die an einer Krankheit leiden, die sie genau solche extremen Höhen und Tiefen erleben lässt. Manfred Lütz weiß: „Erfahrene Psychiater sagen, dass man bei langer Erfahrung eine Schizophrenie einigermaßen nachvollziehen könne, eine tiefe von innen heraus aufsteigende Depression, eine Melancholie, dagegen könne man nicht nachfühlen.“ Das Wort Depression führt da meist in die Irre. Denn darunter versteht manch einer die heftige Trauer beim Tod eines geliebten Menschen oder auch schon bei einer schmerzhaft erlebten Trennung, bei der es einem tage- oder wochenlang nicht gut geht. Manfred Lütz hat Medizin, Theologie und Philosophie in Bonn und Rom studiert. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Autor zahlreicher Bestseller.
Die eigenen Emotionen lassen sich beeinflussen
Eine menschliche Fähigkeit baut auf der Selbsterkenntnis auf und besteht darin, die Emotionen zu steuern. Heidi Kastner erklärt: „Jede erkannte Emotion kann durch Beigabe unterschiedlicher Gedanken dramatisiert oder relativiert werden, was den weiteren Verlauf einer Interaktion beeinflusst.“ Eine weitere Komponente der emotionalen Intelligenz, die mit der zuvor beschriebenen eng verwandt ist und von Daniel Goleman später auch dieser zugerechnet wurde, besteht darin, die eigenen Emotionen möglichst zielorientiert zu steuern und zu nutzen. Goleman argumentiert hier vor allem mit der Fähigkeit, sich selbst zu motivieren, ausdauernd ein Ziel zu verfolgen und Rückschläge als vorübergehend, aber nicht bestimmend zu erleben. Er sieht darin eine übergeordnete Fähigkeit, die sich verstärkend oder hemmend auf alle anderen Befähigungen auswirkt. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Die Verliebtheit fühlt sich wie ein Rausch an
Die Verliebtheit ist eine Verheißung, die nicht eintritt. Amerikanische Forscher haben die Verliebtheit untersucht. Dabei haben sie herausgefunden: Die Verliebtheit ist ein Rausch. Michael Lehofer erklärt: „Ein Rausch ist definitionsgemäß eine Ekstase, ein Zustand, in dem man außer sich ist. In diesem Fall handelt es sich um eine extreme Aktivierung des sogenannten Belohnungssystems im Gehirn, das wiederum zur Unterdrückung des Aversionssystems führt.“ Das Belohnungssystem motiviert Menschen, während das Aversionssystem sie etwas vermeiden lässt. Daher ist mit Menschen, die verliebt sind, nicht normal zu sprechen. Wenn ein Freund, mit dem man immer tiefsinnige Gespräche geführt hat, gerade verliebt ist, kennt er nur ein Thema. Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Lehofer ist ärztlicher Direktor und Leiter der einer Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Landeskrankenhaus Graz II.
Menschen verwechseln oft ihre Bedürfnisse
Abraham Maslow verbrachte eine trostlose Kindheit voller seelischer Härten und war sozial isoliert, ein Außenseiter. Ingo Hamm ergänzt: „Also saß der junge Abraham stundenlang in Bibliotheken und entwickelte ein geistiges Wachstum, das die sozialwissenschaftliche Welt heute noch in Atem hält.“ Abraham Maslow meinte unter anderem, dass viele Menschen ganz oft ihre Bedürfnisse verwechseln. Insbesondere diejenigen, die auf individuelle Stärke, Erfolg, Status und Prestige aus sind. Man könnte fast sagen: Diese vier Motive sind die am weitesten verbreitete Ersatzreligion der westlichen Welt. Sozialer Status ist geradezu der Tabernakel westlicher Gesellschaften. Menschen sind lieber dumm, hässlich und hungrig, als nicht mit den Nachbarn mithalten zu können, wenn diese sich einen neuen Wagen leisten oder mit der Kollegin, wenn diese scheinbar grundlos befördert wurde. Dr. Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.
Das Erleben wird im Gehirn zu Biologie
Die biologische Struktur des Gehirns wird durch all das geformt, was sie an Informationen über die Jahre aufnimmt. Hans-Otto Thomashoff erklärt: „Unser Erleben wird in unserem Gehirn zu Biologie. Dadurch passen wir uns mit jedem Schritt, den wir in unser Leben hineinwachsen, besser an die Bedingungen unserer Umwelt an, ein Entwicklungsprozess, der bereits vor der Geburt beginnt und ein Leben lang anhält.“ Einmal im Gehirn gespeicherte Erfahrungsmuster werden bewahrt und bei Bedarf wie eine Schablone über das aktuell wahrgenommene Geschehen gelegt. Passt die existierende Schablone, wird sie beibehalten und mit jeder Anwendung verstärkt, um bei nächster Gelegenheit umso leichter und schneller präsent zu sein. Es ist wie beim Vokabellernen. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Erlebte Ungerechtigkeit führt zu Spannungen
Reinhard Haller weiß: „Gerechtigkeit wird in den meisten Kulturen als Leittugend schlechthin gesehen und das Streben nach Gerechtigkeit als zentraler Aspekt des sozialen Zusammenlebens und des Menschseins überhaupt interpretiert.“ Erlebte Ungerechtigkeit führt immer zu Spannungen. Individuell können psychische Probleme wie Grübeleien, Depressivität, sozialer Rückzug, Reizbarkeit, Aggressivität, aber auch Selbstzweifel, Zwangsgedanken und Missbrauch von Alkohol und Medikamenten, eingesetzt zur inneren Stabilisierung und Dämpfung der Aggressionsimpulse, die Folgen sein. Sieht ein Mensch sein Gerechtigkeitsgefühl verletzt, kämpft er mit vielen Mitteln dagegen an und fühlt sich dazu berechtigt, sich zu wehren, besonders durch Vergeltung und Rache. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Die Sexualisierung betont ein sexy Äußeres
Verdinglichung hat verschiedene Bedeutungen. Eva Illouz erläutert: „Eine andere Person zu verdinglichen heißt, sie meiner Macht und Kontrolle zu unterwerfen, indem ich ihren Wert in einer Weise bestimme, die von meinem Blick und meiner Bestätigung abhängt.“ Wenn Sexualisierung die Macht einer Seite einschließt, den Wert der anderen zu bestimmen, dann folgt daraus, dass sich das sexualisierte Objekt de facto in einem untergeordneten Verhältnis befindet. Die Sexualisierung fördert bei Frauen die Entwicklung der Überzeugung, dass ein sexy Äußeres nicht nur wichtig ist, um Männern zu gefallen, sondern auch, um in allen Bereichen des Lebens erfolgreich zu sein. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Burn-out ist keine medizinische Diagnose
Soll nun sogar Burn-out eine Folge von Kränkungen sein? Eine derart skeptische Frage ist zweifelsohne berechtigt, wenn zwei inflationäre und nicht streng wissenschaftlich Ausdrücke in fachliche Überlegungen einfließen. Reinhard Haller erläutert: „Tatsächlich ist Burn-out keine medizinische Diagnose und „Kränkung“ kein wissenschaftlicher Begriff. Von psychiatrischer Seite wird zu Recht darauf hingewiesen, dass der Ausdruck Burn-out heute für die Bezeichnung sehr vieler psychischer Störungen, insbesondere depressiver Art, herangezogen werde.“ Vieles, was überhaupt keine Störung sei, und manche tatsächlich schwere psychische Erkrankungen werden heut ein den Burn-out-Begriff verpackt. Rein fachlich könnte damit nur ein Erschöpfungszustand, der mehr mit Lebensführung als mit Krankheit zu tun habe, gemeint sein. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).