Abscheuliche Empfindungen erzeugen auch eine rätselhafte Lust

Die Lust an der Scham hat für Ulrich Greiner noch eine andere, eine dunklere Seite. Sie besteht ganz allgemein gesprochen in einer Faszination am Abscheulichen: „Das Abscheuliche, Beschämende, Angsterregende und ähnliche widrige Empfindungen haben nicht nur eine abstoßende Kraft, sondern auch eine anziehende.“ Søren Kierkegaard schreibt in seiner Abhandlung „Der Begriff Angst“ folgendes dazu: „Das Leben bietet überdies Erscheinungen genug dar, bei denen das Individuum nahezu begehrlich auf die Schuld starrt, und gleichwohl sie fürchtet. Schuld hat für des Geistes Auge die Macht, die der Blick der Schlange hat, die des Zauberbanns.“ Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Die Angst ist die eigentliche Bestimmung der Erbsünde

Søren Kierkegaard beginnt bei diesem Thema mit der Erbsünde und stellt die Frage, wie es zu ihr kam. Im Jahr 1942 schreibt er in sein Tagebuch: „Nun hat man oft genug das Wesen der Erbsünde entwickelt, und doch hat man eine Hauptkategorie fehlen lassen – es ist die Angst, dies ist die eigentliche Bestimmung der Erbsünde; Angst ist nämlich eine Begierde nach dem, was man fürchtet, eine sympathische Antipathie; Angst ist eine fremde Macht, die den einzelnen Menschen fasst, und doch kann man sich nicht davon losreißen und will das nicht, denn man fürchtet zwar, aber was man fürchtet, das begehrt man.“

Die erste Sünde geschah im Zustand der Unschuld, die gleichzeitig Unwissenheit bedeutet. Denn Adam konnte nicht wissen, was mit dem Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, genauer gemeint war. Ulrich Greiner erklärt: „Mit diesem Verbot eröffnet sich ihm das Reich der Freiheit – und damit die Angst.“ Søren Kierkegaard vergleicht die Angst mit Schwindel. Denn der, dessen Auge es widerfährt, in eine gähnende Tiefe hinabzuschauen, dem wir schwindlig. Das wahrhaft Unheimliche an einer Entgleisung besteht darin, dass man die Warntafeln deutlich sieht, dass man ein Verbot anerkennt, und je mehr man es anerkennt, umso heftiger zu seiner Übertretung gereizt wird.

Verbote beziehen sich auf die Gebiete der Gewalt und Sexualität

Das erinnert an Fjodor Michailowitsch Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“, in denen es an einer Stelle heißt: „Ich empfinde Genuss an dem allzu grellen Erkennen der eigenen Erniedrigung.“ In seiner Schrift „Die Erotik“ beschäftigt sich Georges Bataille mit den Verboten, die es auf unterschiedliche Weise in allen menschlichen Gesellschaften gibt und die sich vor allem auf das Gebiet der Gewalt und der Sexualität beziehen: „Sie sind uns nicht von außen auferlegt, sondern Teil unseres Selbst, sie sin der Schlüssel zu unserer menschlichen Haltung.“

Zudem kommt Georges Bataille in seiner Abhandlung zu einem äußerst paradoxen Befund: Das Verbot wird sichtbar, erst eigentlich wirksam im Augenblick der Übertretung. Zwar war es auch vorher schon da, aber es spielte gewissermaßen keine Rolle. Georges Bataille schreibt: „Wenn wir das Verbot befolgen, wenn wir ihm unterworfen sind, haben wir kein Bewusstsein mehr davon. Aber im Augenblick des Überschreitens empfinden wir die Angst, ohne die es das Verbot nicht gäbe: das ist die Erfahrung der Sünde.“

Von Hans Klumbies

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