Viele Menschen fliehen vor der Diagnose einer Depression

Heute ist der Internationale Tag der seelischen Gesundheit. Auf die Frage, ob es diesen Tag braucht, antwortet Georg Psota: „Der Kulturphilosoph Byung-Chul Han hat geschrieben, dass jedes Zeitalter seine Leitkrankheiten hat.“ Georg Psota ist Leiter der Psychosozialen Dienste Wien, die ein Netzwerk an ambulanten Einrichtungen für eine sozialpsychiatrische Grundversorgung anbieten.

Die Grundlosdepression tritt gar nicht so selten auf

Man kann das auch so formulieren, dass psychische Krankheiten ein Wohlstandsphänomen sind, das gilt aber auch für Diabetes und viele Stoffwechselkrankheiten. Wobei die Depression schon seit den alten Griechen beschrieben ist. Dagegen ist Burnout ein Phänomen der Gegenwart. Georg Psota erklärt: „Burnout ist keine Erkrankung, es ist eine Zusatzformulierung, ein Zustandsbild.“ Es ist seiner Meinung nach aber Fakt, wenn alles immer mehr, immer schneller, überall und jederzeit sein muss, tut das der Psyche der Menschen nicht gut.

Es gibt sogar eine Grundlosdepression, die gar nicht so selten auftritt. Georg Psota erläutert: „Die depressive Episode kann mit einem Anlass beginnen oder einfach beginnen, weil sie beginnt.“ Auf die Frage, ob es bei einer Depression auch so etwas wie einen Selbsttest gibt, antwortet Georg Psota: „Es gibt Selbsttests bei Depression, die nicht alle schlecht sind, aber ich empfehle sie nicht. Besser ist, mit jemandem zu reden. Das ruhig einmal der Hausarzt sein oder jemand im Freundeskreis.“ Viele Menschen verleugnen die Krankheit vor sich selbst und flüchten in die Verdrängung.

Selbst in der Welt der Gewinner gibt es psychisch Kranke

Es ist ein Stück weit individuell, eine Depression schon im Vorfeld zu erkennen. Aber es gibt Anzeichen: Wenn man beispielsweise mehrere Tage hintereinander ab vier Uhr früh schlaflos im Bett liegt, verschwitzt und mit dem Gefühl aufgewacht ist, keine Erholung gehabt zu haben. Das ist laut Georg Psota aber eigentlich schon der Beginn einer Depression und kein Frühwarnzeichen mehr. Von einer Depression spricht man im folgenden Fall: „Man muss 14 Tage ein Stimmungstief, ein Interessentief, Freudlosigkeit haben. Auf der anderen Seite stehen Angst, Entscheidungsschwäche, Suizidgedanken, Selbstverletzungen.“

In manchen Fällen reden sich die Betroffen auch selbst in eine Depression hinein. Aber viel häufiger kommt es vor, dass die wahren Depressiven versuchen, dass wegzuschieben, bis sie in eine kritische Verfassung kommen. Aber jeder Mensch kann auch selbst etwas für seine psychische Gesundheit tun. Georg Psota erklärt: „Bewegung tut gut. Gesunde Ernährung ist ein Faktor. Wir wissen auch, dass eine naturnahe Umgebung alles andere als schädlich ist.“ Aber leider leben die Menschen in einer Welt, die ganz andere Maximen hat. Und in dieser Welt gibt es Gewinner und Verlierer. Aber selbst unter den Gewinnern gibt es psychisch Kranke. Quelle: Die Presse

Von Hans Klumbies

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