Übungen zur Achtsamkeit liegen im Trend

Die meisten Menschen stellen sich achtsame Personen als respektvoll, mitfühlend und voller Zuneigung gegenüber den Phänomenen des Lebens vor. Bei genauerer Betrachtung trifft diese Erwartung aber nicht unbedingt zu. Georg Milzner erklärt: „Man kann durchaus auch auf Menschen treffen, die Achtsamkeitsübungen praktizieren und zugleich von ungewöhnlicher Kälte sind.“ Meditation macht einen nicht unbedingt zu einem besseren Menschen. Insbesondere in der Welt der Wirtschaft hat sich ein Trend entwickelt, nach dem auch Chefs und Angehörige des Topmanagements vermehrt Übungen der Achtsamkeit praktizieren. Das Ziel ist dabei in erster Linie die Stärkung der geistigen Leistungsfähigkeit. Ein Ziel, das vermittels Achtsamkeitsübungen – die ja auch Konzentrationsübungen sind – durchaus erreichbar ist. In der Achtsamkeitspraxis scheint also auch eine dunkle Seite verborgen zu sein. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

Im Buddhismus gehören Achtsamkeit und Empathie zusammen

Achtsamkeit ist laut Georg Milzner eine geistige Haltung, die frei von Emotionen im reinen Gewahrsam besteht. Reines Gewahrsam ohne emotionale Beteiligung kann einen Menschen aber auch dazu befähigen, in tiefer Ruhe zuzuschauen, wie eben Hunderte von Mitarbeitern ihre Sachen packen, nachdem er sie entlassen hat. Entscheidend ist daher die Frage, wie Achtsamkeit eingebunden ist. In ihrer buddhistischen Form ist sie ohne Empathie nicht zu denken.

Denn die buddhistische Philosophie lehrt das Mitgefühl mit allem, was da ist. Löst man die Praxis der Achtsamkeit von diesem Hintergrund, dann ist sie eine mentale Praxis, weiter nichts. Jede mentale Praxis hat aber grundsätzlich das Potenzial, auch Schaden anzurichten. Wenn sie sich nämlich dem tieferen Fühlen und Mitfühlen entfremdet. Achtsamkeit, so fasst Georg Milzner zusammen, hilft einem Menschen bei der Rettung seines Selbst nur bedingt weiter. Insbesondere ist sie nicht in der Lage, vertiefte Selbstaufmerksamkeit zu ersetzten.

Bei der Selbstaufmerksamkeit sind starke Gefühle erlaubt

Denn zum einen ist Selbstaufmerksamkeit weniger als Achtsamkeit. Sie hat keinen spirituellen Hintergrund und ist in ihren Grundfesten etwas vollkommen Selbstverständliches. Überdies setzt sie wenig oder gar keine mentale Übungspraxis voraus. Zum anderen ist Selbstaufmerksamkeit aber auch mehr als Achtsamkeit, und zwar auf emotionaler Ebene. Weil nämlich eine Interessenhaltung dazukommt, die emotional etwas anderes erzeugt als bloßes Gewahrsein.

Selbstaufmerksamkeit kann freundlich sein, aber auch leidenschaftlich, ist hier mitfühlend, dort neugierig, mitunter analytisch, Daten sammelnd und vermerkend, aber auch amüsiert, beiläufig und hochkonzentriert. Von einem gehaltenen Bewusstseinslevel, von distanziertem Gewahrsein ist dabei unter Umständen wenig zu bemerken. Wertungen sind möglich, starke Gefühle erlaubt. Denn um verlässliche Entscheidungen für das Leben zu treffen, muss man mit dem eigenen inneren Wertekanon vertraut sein, muss Emotionen ermessen, in Leidenschaften eintauchen. Quelle: „Wir sind überall, nur nicht bei uns“ von Georg Milzner

Von Hans Klumbies

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