Buben haben die meisten Lernprobleme

Fast 80 Prozent der Kinder mit akuten Lernproblemen in Österreich sind Jungen. Zwei Drittel der Klienten von Kinder- und Jugendpsychiatern sind Buben. Andreas Salcher ergänzt: „Der Anteil der Buben, die von Sonderschulpädagogen betreut werden, ist deutlich höher als jener von Mädchen. Von der Hyperativitätsstörung ADHS sind 9,2 Prozent der Buben und nur 2,9 Prozent der Mädchen betroffen.“ Jungen bleiben auch doppelt so oft sitzen wie Mädchen. Besonders beim Leseverständnis hinken Buben in der Volksschule den Mädchen deutlich nach. Beim Schönschreiben fällt dieses Manko noch deutlicher auf. Wenn die Volksschullehrerin einen Knaben mit den Worten „Du hast schon wieder nicht zugehört“ ermahnt, dann stimmt das fast immer. Es muss aber keineswegs eine böse Absicht dahinterstecken. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

Immer mehr Jungen nehmen Ritalin

Andreas Salcher weiß: „Buben nehmen die Welt viel intensiver mit den Augen und durch ihr Handeln wahr, während Mädchen die Welt primär durch Hören erfassen.“ Mädchen hören der Lehrerin daher gerne zu, sind also „braver“ und bekommen gute Noten. Jungen dagegen haben in der Volksschule große Probleme damit, konzentriert zuzuhören. Buben sind deshalb nicht krank oder schlechtere Schüler. Krank ist dagegen eine Schule, welche die Verabreichung von Ritalin gegen Störungen der Aufmerksamkeit – primär an Buben – in den letzten Jahren dramatisch gesteigert hat.

Mädchen sind gerade am Beginn der Volksschule hoch bewerteten Gegenständen wie Schönschreiben, Singen, Lesen und Zuhören den Buben um circa zwei Jahre voraus. Daher verschiebt sich der Bewertungsmaßstab oft zulasten der Jungen. Die Leselust bei Knaben hängt viel mehr von der Attraktivität des Lesestoffs ab als bei Mädchen, die schon an sich leichter lesen lernen. Tatsache ist, dass die Nichtberücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklungsphasen von Buben und Mädchen in der Volksschule zu Verlusten bei beiden Gruppen führt.

Kinder entwickeln sich sehr individuell

Der Hauptgrund für das Auseinanderklaffen der Schulleistungen von Jungen und Mädchen liegt laut Andreas Salcher an der Unfähigkeit des Schulsystems. Es nimmt Kinder nicht in ihrer Individualität wahr und fördert sie nicht entsprechend. Für Achtsamkeit und Genauigkeit ist keine Zeit vorgesehen. Kinder entwickeln sich vor allem zwischen sechs und zehn Jahren sehr individuell. Das fand vor über 100 Jahren schon Maria Montessori heraus. Deshalb waren sie und ihr französischer Kollege Alfred Binet strikt dagegen, Kinder nach Lebensaltern zu sortieren.

Die Reformpädagogin und der Psychologe gingen davon aus, dass es Kinder zu ganz bestimmten Tätigkeiten ziehe, wenn sie innerlich dazu bereit sind. Eltern können Volksschullehrern sehr beim Unterrichten helfen. Indem sie ihnen mitteilen, wann sich ein bestimmtes Lernfester bei ihrem Kind gerade geöffnet hat. Andreas Salcher kritisiert: „Diese individuelle Förderung, die im Interesse des Kindes wäre, ist aber heute fast nie im System der öffentlichen Regelschule vorgesehen. Und auch nicht im Zeitbudget der Eltern.“ Quelle: „Der talentierte Schüler und seine Feinde“ von Andreas Salcher

Von Hans Klumbies

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