Rolf Dobelli unterscheidet zwischen zwei Ichs

Rolf Dobelli unterscheidet zwischen einem „erlebenden Ich“ und einem „erinnernden Ich“. Das erlebende Ich ist jener Teil des Bewusstseins, der den jeweils aktuellen Augenblick erlebt. Es erlebt nicht nur, was man gerade tut, sondern auch, was man dabei denkt und fühlt. Rolf Dobelli nennt Beispiele: „Es nimmt körperliche Zustände wie Müdigkeit, Zahnschmerzen oder Anspannung wahr.“ Dies alles vermischt sich zu einem einzigen erlebten Moment. Psychologen gehen davon aus, dass ein solcher Moment rund drei Sekunden dauert. Das ist die Dauer, die man als Gegenwart empfindet, kurzum all die erlebten Dinge, die man zu einem „Jetzt“ zusammenfasst. Eine längere Zeitspanne wird bereits als Abfolge verschiedener Momente erlebt. Der Bestsellerautor Rolf Dobelli ist durch seine Sachbücher „Die Kunst des klaren Denkens“ und „Die Kunst des klugen Handelns“ weltweit bekannt geworden.

Das Erinnerungsvermögen ist anfällig für systematische Fehler

Wenn man die Schlafzeit abzieht, erlebt ein Mensch etwa 20.000 Momente pro Tag – bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung circa eine Milliarde Momente im gesamten Leben. Fast alle Eindrücke, die während eines Augenblicks durch das menschliche Gehirn sausen, gehen unwiederbringlich verloren. Nicht mal der millionste Teil der Erfahrungen bleibt erhalten. Das erinnernde Ich dagegen ist jener Teil des Bewusstseins, das die ganz wenigen Dinge, die das erlebende Ich nicht weggeworfen hat, sammelt, bewertet, einordnet.

Die beiden Ichs leben selten in Harmonie oder Gleichklang. Beispielsweise ist das erlebende Ich weniger glücklich als das erinnernde Ich. Das erstaunt Rolf Dobelli nicht, denn fast jeder hat schon von der rosaroten Brille der Erinnerung gehört. Im Nachhinein sieht vieles besser aus. Das bedeutet aber auch, dass man seinem Erinnerungsvermögen nicht vertrauen darf, denn es ist anfällig für systematische Fehler. Der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann erklärt zum Beispiel was es mit der Peak-End-Regel auf sich hat.

Menschen erinnern sich hauptsächlich an den Höhepunkt und das Ende einer Episode

Er hat festgestellt, dass sich Menschen hauptsächlich an den Peak einer Episode erinnern, also den Höhepunkt, den intensivsten Moment – und an das Ende der Episode. Alles andere fließt kaum in die Erinnerung ein. Ganz allgemein gilt folgende Faustregel: Ob eine Urlaubsreise eine Woche oder drei Wochen dauert – die Erinnerung daran wird dieselbe sein. Diesen Fehler nennt man „Duration Neglect“, also die „Missachtung der Dauer“ – neben der Peak-End-Regel der zweite schwerwiegende Fehler des Erinnerungsvermögens.

Rolf Dobelli fasst zusammen: „Während das erlebende Ich verschwenderisch ist (es wirft fast alles weg), ist das erinnernde Ich extrem fehleranfällig – und verleitet uns damit zu falsche Entscheidungen. Wegen der Fehleinschätzung des erinnernden Ichs neigen wir dazu, kurze, intensive Freuden zu stark zu bewerten und im Gegenzug stille, lang andauernde, unaufgeregte Freuden zu schwach.“ Viele Menschen leben daher im Hinblick auf die Sammlung zukünftiger Erinnerungen, statt sich klugerweise auf die Gegenwart auszurichten. Quelle: „Die Kunst des guten Lebens“ von Rolf Dobelli

Von Hans Klumbies

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