Rolf Dobelli deckt die Illusion des Mitgefühls auf

News lullen viele Menschen in ein warmes, weltumspannendes Gefühl ein. Sie fühlen sich alle als Weltbürger. Ihnen passieren dieselben Dinge. Sie alle sind miteinander verbunden. Der Planet ist ein globales Dorf. Rolf Dobelli kritisiert: „Der Zauber einer allumfassenden, weltweiten Verbundenheit ist ein gigantischer Selbstbetrug.“ Tatsache ist: Nicht der Konsum von Nachrichten verbindet eine Person mit seinen Mitmenschen und Kulturen. Die Menschen sind miteinander verbunden, weil sie miteinander kooperieren, Handel treiben, Freundschaften pflegen, verwandt sind oder lieben. Wenn immer Rolf Dobelli berichtet, dass er sich von News fernhält, kommt unweigerlich der Vorwurf: „Aber Sie nehmen ja keinen Anteil am Leiden der Ärmsten der Welt, an den Kriegsgeschehnissen und Gräueltaten.“ Der Bestsellerautor Rolf Dobelli ist durch seine Sachbücher „Die Kunst des klaren Denkens“ und „Die Kunst des klugen Handelns“ weltweit bekannt geworden.

Anteilnahme durch Medienkonsum ist der größte Selbstbetrug

Rolf Dobellis Antwort lautet: „Erstens, muss ich das denn?“ Zweitens „Anteilnehmen durch Medienkonsum“ – gibt es einen größeren Selbstbetrug. Denn echte Anteilnahme bedeutet Handeln. Im eigenen Mitgefühl schwelgen ist nicht nur nicht hilfreich, sondern einfach nur widerlich. Rolf Dobelli fordert: „Wenn Ihnen das Schicksal der Erbebenopfer, Kriegsflüchtlinge und Hungerleidenden wirklich am Herzen liegt, spenden Sie Geld. Nicht Aufmerksamkeit. Nicht Arbeit. Keine Gebete. Sondern Geld.“

Ihre Aufmerksamkeit schenken die Menschen beim Konsum von Nachrichten beispielsweise nicht den Erdbebenopfern, sondern den Betreibern von News-Webseiten oder Printmedien. Die Erdbebenopfer spüren diese Aufmerksamkeit nicht, die Betreiber der Nachrichtenportale sehr wohl. Und zwar in doppelter Hinsicht: Erstens, indem sie Geld verdienen, indem sie die Aufmerksamkeit den Werbekunden weiterverkaufen. Zweitens, weil sie wieder mehr Daten über den Nutzer gesammelt haben, den sie in Zukunft noch gezielter mit Werbung bombardieren können.

News haben nichts mit einer objektiven Beurteilung der Leiden der Welt zu tun

Mit ihrer Aufmerksamkeit helfen viele Menschen den News-Medien, nicht den Opfern. Und sie schaden sich selbst. Rolf Dobelli hat eine Idee: „Wenn Sie auf News verzichten, haben sie einen ganzen Monat pro Jahr an Zeit gewonnen. Verwandeln sie einen Teil dieser frei gewordenen Zeit in Geld – vielleicht in Form von Überstunden oder mit einem Nebenjob – und spenden den damit erarbeiteten Betrag.“ Am besten an etablierte Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Terre des Hommes.

Oft hört Rolf Dobelli den Einwand: „Ohne News-Konsum wissen Sie ja gar nicht, wo die Hilfe am dringendsten ist.“ Auch das ist ein Denkfehler. Denn die News-Medien sind voreingenommen in der Entscheidung, über welche Katastrophen sie berichten. Sie berichten über Katastrophen, die erstens neu sind, zweitens gute Bilder liefern und drittens an Einzelschicksalen aufgehängt werden können. Eine Nachrichtenauswahl nach den genannten drei Kriterien, hat aber nicht mit einer objektiven Beurteilung der Leiden dieser Welt zu tun. Quelle: „Die Kunst des digitalen Lebens“ von Rolf Dobelli

Von Hans Klumbies

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