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Reinhard Haller kennt die Mythen des Hasses

Der Schriftsteller Graham Green schreibt: „Hass ist ein unwillkürliches Echo der Angst, denn Angst erniedrigt.“ Sucht man in den psychologischen Wissenschaften Rat, ist es ein bewährtes Mittel, bei den alten Mythen, den Märchen und Sagen, den uralten Überlieferungen einzukehren. Reinhard Haller weiß: „Darin sind die Erfahrungen und Weisheiten ganzer Völker und Generationen zu finden, in verdichteter, oft symbolischer und rätselhafter Weise. Tatsächlich werden wir im so reichen Schatz der griechischen Mythologie auf beim Hassthema fündig.“ Am eindrücklichsten wird Hass dort in der Erzählung von „Atreus und Thyestes“ geschildert. Hier werden die wesentlichen Wurzeln des Hasses beschrieben, von genetischen Anlagen und der Hasspersönlichkeit, über die Bedeutung der Eifersucht und des Machtstrebens bis zu seinem unaufhörlichen Zerstörungsdrang und seiner Fortdauer über Generationen. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Atreus und Thyestes hassten einander schon im Mutterleib

Die Zwillinge Atreus und Thyestes stammten aus dem mit einem Fluch belasteten Geschlecht der Tantaliden. Deren Stammvater hatte die Wut der Götter auf sich gezogen, weil er den Menschen himmlische Geheimnisse verraten und den Göttern, um ihr göttliches Allwissen zu prüfen, seinen geschlachteten Sohn Pelops zur Mahlzeit vorgesetzt hatte. Die Götter aber bemerkten den Frevel, und Pelops wurde wieder lebendig. Die Zwillinge, Söhne des Pelops, hassten einander schon im Mutterleib, was als Hinweis auf die genetische Disposition und frühe Prägung für Hass gesehen werden kann.

Reinhard Haller fügt hinzu: „Weil sich die gegenseitige aggressive Abneigung der Brüder ab frühester Kindheit zeigte, trennte sie ihr Vater und ließ sie während der Zeit des Heranwachsens nie zusammenkommen.“ Als sie aber erwachsen wurden und sich nach des Vaters Tod die Frage der Nachfolge stellte, einigten sie sich auf den Spruch eines Sehers: „Derjenige wird Herrscher sein, der ein Zeichen erhält.“ Als Atreus ein goldenes Lamm fand, war er fest davon überzeugt, nun dieses Signum erhalten zu haben und die Herrschaft antreten zu können.

Hass ist nicht einmal durch ein Wunder zu beenden

Thyestes stahl das goldene Lamm und präsentierte das göttliche Zeichen der Volksversammlung. Von steigendem Hass getrieben, rief Atreus den Göttervater Zeus an. Dieser versprach ihm Hilfe. Er solle die Volksversammlung einberufen und dort den Auftrag des obersten Gottes zu verkünden: „Wer von den Zwillingen die Sonne am Mittag anhalten und zur Umkehr zwingen kann, soll nach dem Willen des Zeus König werden.“ Tatsächlich erlebte das auf dem Markplatz harrende Volk, wie der Sonnengott Helios auf Geheiß des Atreus zum zu Mittag die Rosse anhielt, den Sonnenwagen umdrehte und sich das Gestirn wieder nach Osten bewegte.

Dieses Ereignis macht klar, dass Hass nicht einmal durch ein Wunder zu beenden ist. Reinhard Haller ergänzt: „Atreus wurde König, sann aber weiterhin auf Rache. Weil Thyestes dies erkannt, floh er in ein fernes Land, um sich dem Hass seines Bruders endgültig zu entziehen.“ Atreus sandte Herolde aus, um seinem Bruder mitzuteilen, dass er sich versöhnen wolle. Beim Festmahl schrie Atreus ihm jedoch voll triumphierenden Hasses ins Gesicht: „Du hast soeben deine Kinder gegessen.“ Thyestes ergriff entsetzt die Flucht und sann fortan nur noch auf möglichst hässliche Rache. Quelle: „Die dunkle Leidenschaft“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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